Die Wurzeln liegen in Horst

 

 


 


Hollywood-Star Christopher Walken stammt vom Bäckerei-Clan Wälken (Wälken) ab. Der Vater wanderte 1929 nach New York aus.
Der Schauspieler ist einer der bekanntesten Charakterdarsteller in den USA.

Sonntagnacht, als die Großen des Filmgeschäfts um den Oscar wetteiferten, fieberte einer ganz sicher mit: Christopher Walken. Der US-Filmschauspieler hat die begehrte Trophäe schon selbst einmal erhalten: Als bester Nebendarsteller 1979 für seine Rolle in "Die durch die Hölle gehen" ("The Deer Hunter"). 2002 war der Charakterdarsteller nochmals in Hollywood nominiert gewesen. Was nicht viele wissen: Die familiären Wurzeln des in Connecticut lebenden Mimen liegen in Horst.

Walken ist Sohn von Bäckermeister Paul Wälken, der 1929 aus dem elterlichen Betrieb in Horst an der Buerer Straße ausschied und nach New York auswanderte. Die Horster Bäckerei übernahm später dessen Bruder Alfons, Vater des heutigen Clanchefs Klaus Wälken. "Mein Onkel", erzählte Klaus Wälken der WAZ, "war auswanderungssüchtig." Der besseren Aussprache wegen nannte sich Paul Wälken in den USA "Walken". Seine Bäckerei "Walken´s bake shop", im New Yorker Stadtteil Astoria, machte schnell Furore: Deutsche Backwaren waren schon immer beliebt in Übersee. Wälken: "Er stieg auf bis zum US-Bäckerpräsidenten." 2002 verstarb er 99-jährig.

Auch privat fasste Paul Walken schnell Fuß in den USA: Er heiratete die theaterbegeisterte Schottin Rosalie, die im Mai 100 Jahre alt wird. Rosalie war Choreographin und hatte Kontakte zu Theater- und Filmgrößen. Kein Wunder, dass sie sich in der exotischen Bäckerei des Deutschen die Klinke in den Hand gaben.

Der mütterliche Hang zur Bühne färbte auf die drei Söhne der Walken ab: Alle wurden Schauspieler, doch keiner so bekannt wie Christopher, der auch ein guter Tänzer ist. Bereits im Alter von 14 Monaten posierte er für einen Kalender, als Neunjähriger drehte er seinen ersten Film. Den Durchbruch schaffte er mit "Die durch die Hölle gehen" und "Der Stadtneurotiker" (1977).

Christopher Walken, der seit fast 40 Jahren mit seiner Frau Georgianne verheiratet ist, galt schon 1969 als Zweitbesetzung nach Harrison Ford für die Rolle des Han Solo in George Lucas "Star Wars". Er spielte mit fast allen Größen des US-Films zusammen: Von Robert de Niro und Samuel L. Jackson über Roger Moore und Johnny Depp bis zu John Travolta und Bruce Willis.

In die Heimat "good old Germany" zog es Walken selten: Einige Male wagte er in frühen Jahren den Trip vom Hudson an die Emscher, um die Verwandtschaft zu besuchen. Das letzte Mal war er 1960 in Horst. Ob der fast 64-Jährige nochmal den Sprung über den großen Teich wagt, "steht in den Sternen", so Klaus Wälken, der derzeit überlegt, ob er im Mai zum 100. Geburtstag der Tante in die Staaten fliegt. Ein Small-Talk mit dem berühmten Vetter wäre garantiert...



Klaus Waelken, Cousin


Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 01.03.07
28.02.2007 Von Georg Meinert

Anmerkung:
Die Bäckerei selbst ist nun eine Eisenwarenhandlung.

CW: Sure, you know the Kaufman Studios in New York in Astoria, Queens, and it is just three blocks from where I grew up. I've worked there a number of times and at my lunch break I sometimes just walk into my old neighborhood.

CW: My father's bakery is now a hardware store but you know it's sad. The neighborhood has not changed one bit and yet some of the things have.

QU:I know you do some cooking. Do you bake at all?

CW:I never got the knack of baking but I do like to cook. I think it's because I'm not a dessert eater that I like to cook other stuff.

 


 

"An mich reicht keiner ran"
Spiegel-Interview 2005


Christopher Walken gilt als einer der vielseitigsten und talentiertesten Schauspieler Amerikas. Zurzeit ist der Oscar-Preisträger in der Komödie "Die Wedding-Crasher" zu sehen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über unvermeidbare Flops, deutsche Tugenden und gierige Nachwuchstalente.

Schauspieler Walken: "Die Jungen gieren zu früh nach Geld"

SPIEGEL ONLINE: Mr. Walken, wie in vielen Filmen zuvor haben Sie auch in Ihrem neuen Film "Die Hochzeits-Crasher" wieder eine Tanzszene. Lassen Sie sich solche Einlagen vertraglich festschreiben - als eine Art künstlerisches Markenzeichen?

Walken: Nein, das ergibt sich meistens einfach so. Einige Regisseure ändern manchmal sogar eigens das Drehbuch, um mir eine Tanzszene zu ermöglichen, aber ich frage nie danach. Ich denke, ich habe das nun zu oft gemacht, jetzt sprechen die Leute zu viel darüber. Schon allein deshalb werde ich das in Zukunft wohl nicht mehr tun.

SPIEGEL ONLINE: Ist es wahr, dass Sie eigentlich Tänzer werden wollten?

Walken: Ich war schon als Teenager ein begeisterter Tänzer. Es war damals völlig normal für Kinder aus New Yorker Mittelklassefamilien, dass sie sich für Steptanz interessieren. Das ist heute natürlich längst nicht mehr so, ich bedauere das sehr. Ich bin in Queens aufgewachsen und war kein besonders guter Schüler. Wenn man aus solchen sehr einfachen Verhältnissen kommt, dann ist eine Berufsaussicht als Tänzer am Theater eine wirklich große Karrierechance. Aber dann kam doch alles anders.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Jerry Lewis und Dean Martin Sie inspiriert haben, Schauspieler zu werden?

Walken: Ich bin als zehnjähriger Junge einmal in einer TV-Show der beiden aufgetreten, allerdings hatte ich nur einen sehr kurzen Auftritt. Jerry Lewis hatte mich in einem Sketch angebrüllt, und ich bin schreiend weggelaufen. Das war es schon. Später, hinter der Bühne, haben mir die beiden auf die Schulter geklopft und gesagt: "Du hast eine große Klappe, du wirst es weit bringen im Showgeschäft." Das war natürlich ein Spaß, aber auf mich hatte das schon eine Wirkung. Ich wollte auch mal so berühmt sein wie Lewis und Martin, deshalb habe ich mich anschließend für jedes Schulschauspiel beworben. Zum Glück gibt es aus diesen Tagen keine Fernsehaufzeichnungen, denn ich war teilweise wirklich schlecht auf der Bühne. Ein richtig lausiger Schauspieler war ich in meinen Anfangsjahren.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt angesichts Ihrer Karriere ein bisschen kokett.

Walken: Nein, ganz ehrlich. Sehen Sie, damals durfte man noch reifen als Schauspieler und auch mal Fehler machen. Das ist heute doch gar nicht mehr möglich, es ist alles viel schnelllebiger geworden in diesen Tagen. Die Medienwelt ist gewachsen, jeder Fehltritt wird sofort einem Millionenpublikum am Fernseher präsentiert. Und wer nicht funktioniert, wird einfach ausgetauscht. Die Konkurrenz ist riesig, ganz anderes als zu meiner Zeit. Allerdings gibt es heute auch mehr junge Talente als damals. Ich rate den Nachwuchsschauspielern immer, am Theater anzufangen, weil man dort nicht so präsent ist wie im Fernsehen oder beim Film. Doch leider gieren die Jungen zu früh nach Geld und Ruhm, anstatt langsam in ihrem Beruf zu wachsen.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind denn die Christopher Walkens der neuen Generation?

Walken: Die gibt es nicht, es haben schon viele versucht, mich nachzumachen. Aber es kommt keiner wirklich ran.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in annähernd 100 Filmen mitgewirkt, in vielen haben Sie den Bösewicht und Psychopathen gegeben. Ist das Ihre Paraderolle?

Walken: Für die meisten Filmemacher schon, deshalb wollen Sie mich wohl so oft für diese Rolle engagieren. Mir ist es egal, ob ich einen Bösewicht oder den amerikanischen Präsidenten spiele. Hauptsache ich spiele überhaupt.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, Sie nehmen so ziemlich jede Rolle an?

Walken: Ja, ich bin nicht besonders wählerisch. Auch wenn diese Ansicht meine Agenten oft fast zum Wahnsinn getrieben hat. Viele Leute meinten nämlich, ich hätte es als Oscar-Preisträger nicht nötig, kleine Rollen in kleinen Filmen anzunehmen. Ich arbeite aber gerne mit jungen Regisseuren und Kollegen, warum sollte ich mich selbst blockieren? Ich habe im Laufe meiner Karriere in etlichen Filmen mitgespielt, die nie erschienen sind. Manche habe ich selbst nie gesehen, weil das Geld ausging und das Rohmaterial irgendwo vergammelte. Aber was soll's, ich habe immer das Beste gegeben, das war mir stets wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Woher stammt diese Prinzipientreue?

Walken: Die hat mir mein Vater eingetrimmt, er sagte immer: "Egal, was du tust in deinem Leben, tue es immer mit Leidenschaft oder lass' ganz die Finger davon." Das ist wohl eine deutsche Tugend, mein Vater stammt nämlich aus dem Ruhrpott, aus Essen. Er war Bäcker, einer der am härtesten arbeitenden Menschen, die ich jemals kannte. Wenn ich im Laden ausgeholfen habe, hat er mir immer die Haare nach hinten gekämmt. Diese Frisur wurde später mein Markenzeichen. Allerdings war ich damals noch ein richtig gutaussehnder junger Mann, viel hübscher als heute.

SPIEGEL ONLINE: Wurmt es Sie nach mehr als 40 Jahren im Geschäft noch, wenn ein Film mal floppt?

Walken: Und wie, aber es gehört dazu. Jeder bekannte Schauspieler, der seit Jahrzehnten tätig ist, hatte zahlreiche Flops in seiner Karriere zu schlucken. Das kratzt mal kurz am eigenen Ego, aber dann konzentriert man sich wieder auf die nächsten Projekte. Wissen Sie, ich bin sehr stolz darauf, dass ich noch immer arbeiten darf nach all diesen Jahren. Es ist sehr schwer, sich so lange im Geschäft zu halten. Das heißt wohl, dass ich einiges richtig gemacht habe in meiner Karriere. Unter dieser Prämisse kann ich Niederlagen gut verkraften.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten einmal: "Filmemachen ist mein Leben." Haben Sie keine anderen Interessen?

Walken: Ich habe weder Kinder noch Hobbys, die mich ausfüllen. Filme zu drehen ersetzt mir beides. Ich bin recht konservativ, seit 36 Jahren mit der gleichen Frau verheiratet und lebe mein Leben jeden Tag nach den gleichen strikten Mustern. Wenn ich mal nicht drehe, wird mir schnell langweilig.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt 62 Jahre alt, haben Sie nicht manchmal Lust, in den Ruhestand zu gehen?

Walken: Nein, da ticke ich ganz anders als viele meiner amerikanischen Kollegen, die sich tatsächlich zur Ruhe setzen. Ganz im Gegensatz zu den europäischen Schauspielern, die arbeiten, bis sie tot von der Bühne kippen, das habe ich mir zumindest sagen lassen. Vor allem in England. So einen Tod plane ich für mich auch.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es bis dahin noch offene Ziele für Ihre Karriere?


Walken: Sicher, ich würde gerne mal einen Film mit Martin Scorsese drehen, aber der hat sich ja offenbar auf Leonardo DiCaprio eingeschossen. Aber im Ernst: Scorsese ist ein sehr interessanter Filmemacher, wir sind im selben Jahr geboren und stammen beide aus Queens. Ich denke, wir haben sehr ähnliche Denkweisen, was die Arbeit betrifft. Ich hoffe, er wird mich berücksichtigen in einem seiner nächsten Projekte.

SPIEGEL ONLINE: Bereiten Sie sich auf Ihre Rollen eigentlich mit besonderen Ritualen vor?

Walken: Nein, ehrlich gesagt bereite ich mich meistens gar nicht vor. Ich treffe mich auch nicht vorab mit Regisseuren oder Kollegen. Die sollen mir das Drehbuch schicken, ich lerne meine Zeilen und spiele sie dann vor der Kamera. So habe ich es gelernt, ich bin auch heute noch kein großer Freund von zuviel Schnickschnack am Set. Als Schauspieler muss man in der Lage sein, sich intuitiv in seine Rolle hinein versetzen zu können. Wenn ich das nicht kann, darf ich die Rolle eben nicht annehmen. Fertig.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie jemals an Ihre künstlerischen Grenzen gestoßen?

Walken: Einmal ganz besonders, bei Paul Schraders Film "Comfort of Strangers", den wir 1989 in Venedig gedreht haben. Die Rolle des durchgeknallten Robert war wirklich ein harter Brocken für mich. Ich kann normalerweise nach Drehschluss sehr schnell abschalten und lasse die Rollen hinter mir. Bei dieser hatte ich jedoch Albträume in der Nacht. Abgesehen davon fühle ich mich sehr unwohl, wenn ich Waffen in der Hand halten muss, mit Pferden arbeite oder in tropischen Dschungelgebieten drehe. Neuerdings fühle ich mich auch in Großstädten nicht mehr sonderlich wohl, der Trubel wird mir schnell zuviel. Vielleicht hat meine Frau ja doch Recht, wenn sie sagt, dass ich langsam zu alt werde für das Filmgeschäft.

Das Interview führte Andreas Renner


 


Wie sich CW durch seine Filme tanzt
S.Staake/filmszene.de


Ah, Christopher Walken, wie kann man ihn nicht lieben, unser aller Lieblingspsychopathen, den Mann der gleichzeitig charismatisch und furchterregend ist. Ein Schauspieler, dessen wirklich einzigartiger Stil Kritiker gar zu Wortschöpfungen zwingt; so nennt US-Kritikerpapst Roger Ebert seinen unvorhersehbaren Stil "Walkening". Dieses "Walkening" belebt jeden noch so müden Film, was auch Hollywood nach und nach bemerkte, so dass er mittlerweile zu einem der beliebtesten Nebendarsteller und Cameostars aufgestiegen ist. Wenn Produzenten oder Regisseure nach etwas Belebung für ihren Film suchen, scheint ein "Get me Chris Walken" nicht weit entfernt zu sein. Was im Idealfall hervorragend klappt, in den letzten Jahren etwa in "Sleepy Hollow", "Catch Me If You Can" oder "Man On Fire". Walken ist zudem mittlerweile 35 Jahre im Geschäft und einer der fleißigsten Männer im Business, der Jahr für Jahr Filme quer durch alle Genres (und egal ob Studio- oder Independentfilme) anhäuft. Resultat ist eine vor kleinen Perlen überquellende Filmographie, derer man kaum habhaft wird. Mit welchem System also soll man sich durch die über achtzig Filme Walkens wühlen? Na, zum Beispiel mit der Suche nach Walkens versteckter Persönlichkeit, der Suche nach Ronnie.
Christopher Walken heißt eigentlich nicht Christopher, sondern Ronald. Und seine erste Leidenschaft war auch nicht Schauspielerei, sondern der Tanz. Bereits mit drei Jahren besuchte der kleine Ronnie eine Stepptanzschule, danach war der Weg zum in den Babyschuhen steckenden Fernsehen - wo niedliche, künstlerisch begabte Kinder für familienfreundliche Unterhaltung in Massen gesucht wurden - frei, und im Alter von sieben stand er bereits mit Dean Martin und Jerry Lewis für die "Colgate Comedy Hour" vor der Kamera. Das künstlerische Rampenlicht rief ihn auch in den folgenden Jahren - ohne aus Hollywood zu kommen. Er tourte als Teenager in Musicals (u.a. die "West Side Story") oder mit Zirkussen (zeitweise als Löwenbändiger!).
Der Wendepunkt in der Transformation von Ronnie zu Christopher war das Jahr 1965. Die Nachtclubsängerin Monique Van Vooren, mit der Walken zu der Zeit tourte, verpasste ihm den Bühnennamen Christopher, weil dieser "netter klinge" (Stimmt!). Kurz darauf nahm er seine erste Rolle als Schauspieler an - als französischer König in einer Bühnenfassung von "The Lion in Winter". Der Weg ins Filmgeschäft war geebnet, Christopher eroberte die Leinwände und Ronnie, der Tänzer, blieb zurück.
Aber nicht für lange. Denn wenn man sich seine Filmographie anschaut, in der Christopher nach und nach auf Rollen als Killer und unberechenbarer Psychopath festgelegt wurde, so sieht man ihn allerorts aufblitzen: Ronnie, den Tänzer, den Vaudeville-Künstler. Ob dramatische Rolle oder nicht - in kurzen Momenten bricht in Christophers Filmen für Sekunden der Ronnie durch. Auch das ist es, was seine Darstellungen so unberechenbar macht: man weiß schlicht nie, was Walken als nächstes tun wird. Und anders würde man es auch gar nicht wollen.

Im folgenden also ein kleiner Streifzug durch ein paar weniger bekannte Höhepunkte aus Walkens massiver Filmographie, immer auf der Suche nach dem plötzlichen Durchbrechen des Ronnie in ihm.


Auf kurze Distanz (1986)

Ronnie-Moment:
Zweimal bricht Ronnie durch Walkens eiskalte Darstellung des Redneck-Gangsterbosses Brad Whitewood Sr., der seine Söhne ins Unglück reißt. Walken ist mit teuflischem Schnauzer und brutal stechenden Augen unterwegs und perfektioniert hier erstmals seine Rolle als Fürst der Dunkelheit, die er in den darauffolgenden zwei Dekaden oft wiederholt und auch parodiert. Aber auch Gangster tanzen: Als er in einer Bar eine Blondine aufreißen will, baut er beim Herübergehen zu ihr ein paar winzige Discotanzschritte ein. Am extremsten manifestiert sich Ronnie aber in einer späteren Szene. Seine Figur wird ans Telefon gerufen, und während Walken von der Kamera wegwandert legt er - völlig grund- und erklärungslos - mit ausgestreckten Armen eine Reihe kleiner Ballettpirouetten hin.

Der Film:
James Foleys Krimidrama zeichnet sich durch seine ruhige Erzählweise und das hohe Maß an Realismus aus. Vielleicht zwei Gründe, warum sich damals keine Sau den Film ansah und er erst langsam wiederentdeckt wird. Und dies zurecht, allein aufgrund der Leistungen von Walken und seinem Filmsohn Sean Penn. Der zeigt schon hier die Intensität, die ihn zu einem der besten Schauspieler seiner Generation macht. Eine Entdeckung ist auch Mary Stuart Masterson als seine Freundin in einer ihrer ersten Leinwandrollen. Penns damalige Ehefrau Madonna steuerte "Live To Tell" zum Soundtrack bei, eine ihrer schönsten Balladen, die über den Abspann laufend auch thematisch perfekt zum Ende des Films passt. Nebenrollen werden zudem von einer ganzen Reihe damals noch frischer Gesichter übernommen, etwa Kiefer Sutherland, Crispin Glover (wieder mal komplett im Weirdo-Modus) und David Strathairn. Definitiv ein unterbewerteter, feiner Streifen zum Wiederentdecken.


King of New York (1990)

Ronnie-Moment:
Nach seiner Entlassung aus dem Knast wird Walken alias Gangsterboss Frank White in seinem Hotelzimmer von einer Gang aufgesucht, deren Intention nicht klar ist. Man starrt sich an, bis Walken die Spannung mit seinem berühmt-berüchtigten Zwinkern durchbricht und alle zusammen in einen wilden (und bizarren) Hüftschütteltanz verfallen, um Franks Freilassung zu feiern. Sekunden später legt Ronnie ein wildes Tanzsolo mittels elektrisierter Tanzpirouetten hin. Später gibt es noch eine Tanzeinlage zu Gangsterrap.

Der Film:
Seine Filme favorisieren Stil statt Substanz - diesen Vorwurf muss sich der New Yorker Underground-Regisseur Abel Ferrara seit jeher gefallen lassen. Stimmt ja auch. Aber mit einem Film wie diesem zeigt er, dass ein stylisches Spektakel auch mitreißen kann. Selten hat ein Massaker ästhetischer ausgesehen, die darauffolgende Verfolgungsjagd ist fast ein Klassiker. David Caruso, Steve Buscemi und Wesley Snipes haben hier Rollen vor ihrem Durchbruch. Zwar sind Charaktere und auch die Story recht simpel, aber Ferraras sichere Regie in seinem ersten Film mit einem richtigen Budget macht das Ganze zu mitreißendem Kino. Immer noch hundertmal besser als Brian De Palmas gnadenlos überbewerteter "Scarface", denn wenn es schon ein stilistisch exzessives Gangsterdrama sein muss, dann lieber das hier.


Das Leben nach dem Tod in Denver (1995)

Ronnie-Moment:
Unbeweglichen-Trilogie, Teil Eins. Walken ist Der Mann mit dem Plan, ein vom Hals abwärts gelähmter Gangsterboss (mal wieder), der auf Rache sinnt, nachdem eine von ihm angeheuerte Bande Krimineller einen wichtigen Auftrag versaut. Vermutlich hat er die Rolle nur angenommen, weil sie eine Herausforderung für den Ronnie in ihm war, zudem ist er hier wieder mal das Böse in Person. Die Lösung heißt Rückblende: In einem kurzen Flashback sieht man den Boss in gesünderen, fröhlicheren Tagen, wie er euphorisch mit der Freundin seines Sohnes die Rumba tanzt.

Der Film:
Tarantino-Plagiat, Teil Eins. Eine Sammlung bunter aber nicht konfliktfreier Karrierekrimineller, ein danebengegangener Coup - der Einfluss von "Reservoir Dogs" ist unübersehbar, der Film ist auch genau wie Tarantinos Erstling von Miramax produziert. Immerhin wurde für die Gangsterbande eine ganze Menge bekannter Gesichter, darunter durchaus Charakterdarsteller (Andy Garcia, Christopher Lloyd, William Forsythe, Bill Nunn, Treat Williams) zusammengetragen. Auch Steve Buscemi als harmlos aussehender Auftragskiller Mr. Schhhh, genannt "Die Schildkröte", ist eine durchaus inspirierte Wahl. Zudem schafft es Regisseur Gary Fleder (später nur noch für gesichtlosen Studiomist wie "Sag kein Wort" verantwortlich) in seinem Debütfilm durchaus berührende Momente einzubauen.

Suicide Kings (1997)
Ronnie-Moment:
Unbeweglichen-Trilogie, Teil Zwei. Wie in " Das Leben nach dem Tod in Denver" verbringt Walken den Großteil des Films bewegungsunfähig, hier weil er als entführter Mafiaboss Carlos "Charlie" Bartolucci ständig an einen Stuhl gefesselt ist. Und hier wie dort wird Ronnie vom Flashback gerettet. Blick zurück in die 70er: Walken mit der unglaublichsten Langhaarperücke und ebenso unglaublicher Sonnenbrille ausgestattet, gibt im Club den John Travolta und tanzt zu James Brown, um kurze Zeit später auf dem Männerklo einen bösen Zuhälter zu massakrieren.

Der Film:
Tarantino-Plagiat, Teil Zwei, vermischt mit ein wenig "Die üblichen Verdächtigen". Erfreulicherweise weiß "Suicide Kings" trotzdem als eigenständiger Film zu gefallen, was an einem gut geschriebenen Drehbuch und einer exzellenten Besetzung liegt. Walken wird von einer ganzen Riege Jungstars umgeben, von denen zwei neben ihm herausstechen: Zum einen Johnny Galecki als Ira, dessen Haus von seinen Kumpels ohne sein Wissen als Versteck für ihr Entführungsopfer missbraucht wird; er und Walken bilden ein großartiges Comedy-Team, welches für einen Großteil der unterhaltsamsten Szenen des Films verantwortlich ist. Und zum anderen Komiker Dennis Leary, der als Walkens rechte Hand Lono auf der Suche nach seinem Boss ist. Leary wandelt zwischen derber Brutalität und Sarkasmus und beherrscht seine Szenen, so wie Walken die seinen regiert. Das Skript hält diverse Dialogperlen bereit, hat durchaus psychologische Tiefe (Walken zersetzt durch seine Manipulation das Vertrauen seiner Kidnapper untereinander) sowie einen in typisch postmoderner Weise strukturierten Plot inklusive Rätsel, das mittels einer raffinierten Schlusswendung aufgelöst wird. Unter allen Tarantino-Plagiaten der 90er eines der Besten, definitiv auf Augenhöhe mit Guy Ritchies ersten Gangsterfilmen. Und ein Fest für Walken-Fans.


New Rose Hotel (1998)

Ronnie-Moment:
Unbeweglichen-Trilogie, Teil Zweieinhalb: Walken gibt den Wirtschaftsgangster Fox als alten Mann mit kaputtem Rücken, der sich nur mit Gehstock fortbewegen kann. Was ihn in einem besonders enthusiastischen Moment nicht davon abhält, eine kleine Stepptanzeinlage zu geben, inklusive eleganter Choreographie mit dem Krückstock.

Der Film:
Leider reicht Walkens vierter Film mit Regisseur Abel Ferrara nicht an die Qualität von "King of New York", die superdüsterere Vampir-Parabel "The Addiction" oder "Das Begräbnis" heran. Die Cyberpunk-Geschichte von Kultautor William Gibson ("Neuromancer") wird vom am Sci-Fi-Genre uninteressierten Ferrara zu einem Dreimannkammerspiel umgewandelt, das er quasi nur in Hotelzimmern abfilmt. Auch ist offensichtlich, dass er eine Kurzgeschichte adaptiert, denn nachdem die eigentliche Story nach einer (ohnehin schon gestreckten) Stunde abgeschlossen ist, füllt Ferrara den Rest des Films einfach mit Flashbacks. Das winzige Budget lässt nie eine Zukunftswelt entstehen, aber darum geht's dem Regisseur auch nicht. Ihm geht es um seine Schauspieler, um die improvisierten Gespräche zwischen Walken und dem nicht minder freakigen Willem Dafoe, um die intimen Momente zwischen Dafoe und Asia Argento. Diese lässt hauptsächlich ihre Brüste die Schauspielarbeit machen, dies allerdings durchaus erfolgreich. Dank stimmungsvoller Musik und Kameraarbeit gelingt Ferrara trotz der zahlreichen Schwächen ein mood piece, das zumindest für Walken-Fans durchaus seinen Reiz hat.


"Weapon of Choice" - Fatboy Slim (2001)

Ronnie-Moment:
Alle

Der Film:
…ist natürlich keiner, sondern ein Musikvideo. Für Ronnie-Liebhaber trotzdem unentbehrlich, denn Walken - am Anfang und Ende als ruhig lesender Geschäftsmann im Sessel, der völlig unmotiviert in eine atemberaubende Tanzarie ausbricht - zeigt alles, was er tänzerisch drauf hat. Stepptanz, Ballett, klassischer Paartanz, ein kleiner Shuffle und sogar eine Flugeinlage in bester Peter Pan-Manier - Walken ist der Meister aller Klassen und Stile. Dieses geniale Video konnte natürlich nur einem einfallen: Regie-Exzentriker Spike Jonze ("Being John Malkovich", "Adaption"). Wie er das Video zu einem derart schnellen elektronischen Song in langen Einstellungen (ohne die eher üblichen Stakkato-Schnitte) filmt, um nicht von Walkens Choreographie und seinen tänzerischen Fähigkeiten abzulenken, das zeugt von Intelligenz und Voraussicht. Ergebnis: Jonze fügt seinen ohnehin legendären Musikvideos (wie dem unvergesslichen Clip zu Fatboy Slims "Praise You") ein weiteres hinzu, und Walken darf dem Ronnie in ihm noch mal völlig ungezügelt freien Lauf lassen. Dance on, Funk Soul Brother!
 


 

Christopher Walken: An mir ist etwas Fremdartiges
(Galore Interview, November 2004)

 


20.3.2004: Hollywood. Das Chateau Marmont mit seinen antiken Möbeln und den zurückhaltenden Mitarbeitern ist Christopher Walkens Lieblingshotel. "Hier kann man auch mal die Füße auf den Tisch legen, ohne schief angeguckt zu werden," erklärt der leger im Freizeitdress gekleidete Schauspieler.

Herr Walken, in den letzten Jahren hat man Sie häufig neben deutlich jüngeren Schauspielern gesehen- fühlen Sie sich wie eine Art Elder Statesman?
Christopher Walken (lacht): Na ja, ich fühle mich zwar nicht so, bin aber nun einmal schon eine ganze Weile dabei. Ich bin in sehr jungen Jahren ins Showbusiness eingestiegen, und es gab ein paar Schauspieler, die ich mir als Kind immer angesehen habe, und die auf jeden Fall einen großen Eindruck auf mich ausübten. Wenn mir jetzt junge Schauspieler bei der Arbeit zusehen, finde ich das toll.

Erzählen Sie- welche Schauspieler waren das damals?
Walken: Als Kind ging ich oft ins Kino. Es gab ein Filmkunstkino auf der Main Street, wo ich mir "Julius Caesar" mit John Gielgud und Marlon Brando anschaute. Brando war unglaublich als Marcus Antonius. Meine Lieblingsschauspieler waren daüber hinaus Richard Burton, Katherine Hepburn, Peter O'Toole..., mein Gott. Im Theater sah ich "Das Versprechen" mit Ian McKellan. Damals schrieb ich zum ersten Mal einen Brief, um ihm zu sagen, dass ich ihn großartig fand. Außerdem versäume ich keinen Film mit Christopher Plummer. Sie sehen, ich habe eine Menge Helden.

Ihr Bruder war schon vor Ihnen Kinderschauspieler. Was ist aus seiner Karriere geworden?

Walken: Die meisten Kinder, die damals als Schauspieler arbeiteten, haben nicht weiter gemacht. In der Hinsicht bin ich einen Ausnahme. Mein Bruder heiratete irgendwann und wurde Vater, also entschied er sich für einen festen Job und ein solides Leben. Er hat seine Entscheidung nicht bereut, und ich kann das durchaus nachvollziehen. Schließlich gab es Jahre, in denen ich ausschließlich vom Arbeitslosengeld gelebt habe oder Gelegenheitsjobs hatte. Ich bin in vielen Stücken ohne Gage aufgetreten, habe bei Theaterworkshops mitgewirkt und Workshops in den Ghetto-Highschools abgehalten. Dafür gab es 25 Dollar pro Woche. Ich lebte mit meiner Frau in einem kleinen Appartement. Sie hat gearbeitet, ich übernahm das Kochen.

Warum hat Sie niemand engagiert?
Walken: Ich weiß es bis heute nicht. Mein erster Film war "Der Anderson Clan". Sidney Lumet führte Regie, Sean Connery war dabei, ich hatte einen kleinen Part. Danach habe ich sieben Jahre lang keinen Film gemacht. Wenn das Telefon nicht klingelt und dich niemand engagieren will, ist das hart. Ich nahm an Auditions teil, die ich als sehr schwierig empfand. Damals habe ich versucht, mich gemäß der jeweiligen Rolle anzuziehen, den Eindruck zu erwecken, dass ich hart oder komisch bin, oder was immer der Part verlangte. Das Ergebnis war grundsätzlich katastrophal. (lacht). Mit der Zeit habe ich gelernt, so etwas erst gar nicht zu probieren. Sollen sie mir auf den Zahn fühlen, wenn ihnen danach ist. Ich lasse sie ihre eigenen Gründe dafür finden, wrum sie mich engagieren wollen.

Derer gibt es anscheinend genug- seit vielen Jahren sind Sie gut im Geschäft.
Walken: Mag sogar sein, dass ich zuviel arbeite, aber ich liebe meinen Beruf. Außerdem habe ich sonst nicht viel, mit dem ich mich beschäftigen könnte. Ich habe keine Hobbies. Ich reise nicht gerne. Bei meiner Arbeit komme ich genug herum (überlegt)-Wenn dich fremde Menschen ansprechen und dir sagen, wie sehr dein Film ihnen gefallen hat, ist das toll. Irgendwie will man immer vom Publikum und den Kritikern hören, dass man wunderbar ist. Und dann, aus absolut unerklärlichen Gründen findet man sich plötzlich in einem Film wie "Liebe mit Risiko-Gigli" wieder. (lacht) Als ich in der Maske saß und mir jemand die Kritiken vorlas, dachte ich nur: wie konnte das passieren?

Wie konnte es denn passieren?
Walken: Als ich den Film drehte, war mir natürlich nicht klar, dass er so schnell in der Versenkung verschwinden würde. Ich drehte gerade "The Stepford Wives", als "Gigli" in die Kinos kam und hatte keine Gelegenheit, mir den Film anzusehen. So weit ich weiß, habe ich in der endgültigen Fassung nur eine Szene. Al Pacino war dabei; mein Leben lang wollte ich einen Film mit Al Pacino drehen. Ursprünglich sollten wir zusammen in derselben Szene auftreten, aber das wurde dann geändert. Nicht ein einziges Mal hab ich ihn während der Dreharbeiten getroffen.

Wussten Sie, dass Gigli sechs Himbeeren bekam? Als der schlechteste Film in jeder Kategorie?
Walken (lacht): Das habe ich gelesen.

Wie kann es sein, dass die "Gigli"-Hauptdarsteller Ben Affleck und Jennifer Lopez so viel Publicity generieren und dann plötzlich niemand ihren Film sehen will?
Walken (zwinkert): Publicity ist immer eine tückische Geschichte. Sie kann schnell zur Übersättigung führen.

Damit dürften Sie selbst wenig Probleme gehabt haben: Bis Sie im Alter von über 30 Jahren "Die durch die Hölle gehen" drehten, wurden Sie von der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen.
Walken: Richtig. Mein Hintergrund ist ja eigentlich das Variete-Theater:Tanz und Gesang. Das hat sich für mich ziemlich hilfreich erwiesen, weil ich so jahrzehntelang viele Fehler machen konnte, ohne dass es allzu vielen Leuten aufgefallen wäre (lacht) Heute hingegen spielt sich praktisch alles in der Öffentlichkeit ab. Es ist viel schwieriger geworden, sich vor den neugierigen Blicken der Medien zu verstecken.

Es heißt, dass Sie schon einige Regisseure das Fürchten lehrten, weil Sie stets mit einer Menge Notizen und Änderungen in Ihrem Skript zum Dreh erscheinen. Stimmt das?
Walken: Mein Skript ist immer voller Randbemerkungen, aber das hat nichts damit zu tun, dass ich etwas ändern will. Für mich hat meine Schauspielerei viel damit zu tun, was ich mir bei meinem Text denke. Das nennt man wohl Subtext. Mit anderen Worten: ich gestalte meine Zeilen persönlich. Ich lese die Zeilen immer wieder, bis ich sie fast nicht mehr erkenne, bis ich sie fühle. Für mich ist der Text wie Musik, ein Rhythmus. Wenn ich einen flüssigen Rhythmus spüre, klingt alles plötzlich richtig.

Während der Dreharbeiten zu "König zwischen Tag und Nacht" sagten Sie dem Regisseur Abel Ferrara, dass sie nicht gern eine Pistole auf einen anderen Schauspieler richten. Als Sie dann die Szene drehten, schossen Sie fünf Mal auf einen Gegner, der längst tot war..
Walken: Genau. Ich habe meinen Part gesprochen und einfach das, was ich sagte, mit den Kugeln unterstrichen. Ich sollte nur einmal schießen, aber das Magazin war voll, da habe ich einfach weiter gemacht. Die Szene wurde nur einmal gedreht und genauso verwendet. Das heißt aber nicht, dass man seine Rolle verändert- man kann sie nur auf seine Weise spielen. Ich habe Skripts gelesen, in denen die Bühnenanweisungen wie die Bedienungsanleitung einer Waschmaschine klangen. Manchmal hingegen sind sie so detailliert, dass sie den Dialog in den Schatten stellen. So etwas sehe ich mir gar nicht erst an- für mich zählt nur der Dialog. Wenn eine Zeile mit der Anweisung "wehmütig" oder "wütend" beginnt, will ich meistens instinktiv das Gegenteil tun.

Wie kommt es, dass es in Ihrer Filmografie vor eigenwilligen Charakteren nur so wimmelt? Sie spielen ja auffällig oft bizarre Typen oder böse Jungs?
Walken: Ich glaube, es liegt daran, dass ich quasi im Showbusiness aufgewachsen bin. Das hat mich geprägt, ich bin ein Showbiz-Animal. Die Art, wie ich spreche, alles, was ich tue- an mir ist etwas Fremdartiges. Glauben Sie mir, ich würde auch liebend mal den Typen spielen, mit der Frau, dem eigenen Heim und den Kindern, die sagen: 'Dad, was soll ich tun?' Allerdings muss man als Schauspieler froh sein, überhaupt Angebote zu bekommen. Einen Film zu drehen ist sehr teuer. Ich kann also verstehen, dass die Produzenten oft Personen besetzen, die garantiert zur Rolle passen. Und da bin ich halt eher der seltsame Kerl oder der Typ, den die Mädchen mögen.

Ihre bisher einzige Regiearbeit war ein Kurzfilm namens "Popcorn Shrimp". Wie hat es Ihnen gefallen, zur Abwechslung mal hinter der Kamera zu stehen?
Walken (zögert): Naja, ich wurde damals gefragt, ob ich eine Idee für einen Fünf-Minuten-Film hätte. Tatsächlich hatte ich eine, die mit dem Thema Kochen zusammenhing. Am Tag, bevor wir drehten, kam ich gerade aus Prag zurück, und wir hatten nur ein paar Stunden Vorbereitungszeit. Ich glaube, ich war als Regisseur nicht besonders gut. Die Schauspieler fragten mich, was sie machen sollten, und ich sagte: "Was immer ihr wollt". Die Kameraleute fragten mich, wo die Kamera stehen sollte, und ich sagte: "Wo immer ihr wollt". Das waren meine Regieanweisungen. Ehrlich gesagt: ich hatte keine Ahnung. Und genauso sieht das Ergebnis aus: ein ziemliches Chaos!

Wo wir gerade von Kurzfilmen sprechen: Glauben Sie, dass Ihre Karriere durch Ihre unvergessliche Tanznummer in Fatboy Slims Musikvideo "Weapon of Choice" von Regisseur Spike Jones einen Aufschwung erlebte?
Wallen: Ganz sicher. Es gehört wahrscheinlich zu den populärsten Dingen, die ich je gemacht habe. Das hat sehr viel mit dem Fernsehen zu tun, es ist eben ein sehr breitenwirksames Medium. Als das Video herauskam, arbeitete ich innerhalb von drei Wochen an verschiedenen Orten- und dieser Clip war auf der ganzen Welt zu sehen. Dieses Tanzvideo wurde immer wieder gezeigt, und die Demographie [Anm: Bevölkerungsstatisitk] war sehr interessant, weil es durchaus nicht nur bei Kids populär war. Im Flugzeug bekam ich mit, wie sich ein älteres Ehepaar darüber unterhielt.

Weniger bekannt ist die Tatsache, dass sie bei dem Musical "James Joyce's The Dead" in New York mitwirkten und sogar für einen Tony nominiert wurden.
Walken: Es lief auch nicht besonders lange, worüber ich letzlich allerdings ganz froh war. Acht Shows pro Woche fordern einen geradezu militärischen Lebensstil. Ich musste zu bestimmten Zeiten essen. Ich musste darauf achten, dass ich regelmäßig schlief. Wenn ich abend auftrat, durfte ich keine Zigarette rauchen, weil meine Stimme sonst zu belegt klang. Das war ziemlich hart, aber trotzdem eine tolle Erfahrung [Anm: laut Candy Rosenbaum hat er das Rauchen schon seit einiger Zeit aufgegeben, weil er sehr auf seine Gesundheit achtet- essensmäßig und auch beim täglichen Training- es wäre also sehr verwunderlich, warum er plötzlich wieder zu rauchen begonnen hätte??].

Zum Schluss noch kurz etwas ganz anderes: Ein hartnäckiges Gerücht über sie besagt, dass sie Tupperware horten. Stimmt das?
Walken (verzieht das Gesicht): Nein, ich habe mal ein einem Interview gesagt, dass ich gern mein Essen selbst zubereite, und ich wurde gefragt, wie ich das unterwegs bewerkstellige. Ich erklärte, dass ich es in Plastikbehälter fülle und mit zur Arbeit nehme. So entstand dieses Tupperware-Gerücht. Im Internet kann man übrigens auch lesen, dass ich der Weltmeister im Hotdog-Essen bin (lacht). Ich habe keine Ahnung, wie solche Gerüchte entstehen.

Letzte Frage: Was war der beste Rat, den Ihnen ein Schauspiellehrer gegeben hat?
Walken: Dazu muss ich kurz die Situation schildern: während einer Probe wurde hinter der Bühne die 2. Szene vorbereitet. Ich war dran mit einer Szene aus "Tod eines Handlungsreisenden". Mittendrin ließ jemand hinter der Bühne eine riesige Kiste mit Geschirr fallen und verursachte einen unglaublichen Lärm. Hinerher sagte mein Lehrer Lee Strasberg zu mir: "Hast du nicht mitbekommen, dass jemand hinter der Bühne eine Geschirrkiste fallen ließ?" Und ich antwortete. "Jaja, das habe ich gehört." Er meinte:"Nun, das Publikum ist erschrocken, der Schauspieler neben dir ist erschrocken, nur du hast mit keiner Wimper gezuckt." Und ich sagte: "Ich habe mich konzentriert." Darauf erklärte er mir:"Dass ist keine Konzentration, das ist schlechte Schauspielerei. Vergiss niemals, dass sich die Welt um dich herum weiter bewegt." Das war ein guter Rat... ::

Originalartikel

 

Übersetzungen:

 

Movieline`s Hollywood Life
(Sommer 2004)

Christoper Walken ist seinen Weg gegangen, seitdem er mit drei Jahren ins Showbiz eingestiegen ist. Jetzt ist er Vorbild für eine neue Generation von Schauspielern. (Ein Interview mit Lawrence Grobel).

Christopher Walken ist nicht begeistert über seinen Ruf als Gruselmonster “Säugetiere sind nicht gruselig. Gruselig sind manche Insekten,” protestiert er. “Gespenstisch ist OK.”

Walken hat sein Publikum in den Bann gezogen seit seinem Auftritt in Woody Allen's "Annie Hall" als Diane Keaton’s psychisch angeschlagener Bruder. Seine Karriere umfasst über 80 Filme, miteíngeschlossen seinen Oscar-gekrönten Auftritt als Vietnam-Veteran in "The Deer Hunter". Er war Sean Penn’s gestörter Vater in "At Close Range", der böse Mafioso, der Dennis Hopper das Hirn auspustete in "True Romance", der Untergrundkönig in Abel Ferrara’s "King of New York", der Schurke im Bond-Film "A View to a Kill" etc.(..)

Obwohl inzwischen 61 geworden, geriet sein guter Ruf bei den jungen Schauspielern nie ins Schwanken. Er war 6x zu Gast in der Saturday Night Live Show, und sein herrlicher Auftritt als Ladykiller "The Continental" ist schon ein Klassiker. Er glänzte in dem am öftesten vom Internet herunter geladen Musikvideo: auf dem Tresen und die Wände hinauftanzend a la Fred Astaire in Fatboy Slim’s Weapon of Choice, unter der Regie von Spike Jonze. Wie Marlon Brando vor ihm ist er wohl der am meisten parodierte Schauspieler seiner Generation. Er wird überall gerne nachgeahmt.

Frage: Was irritiert einen Christopher Walken heutzutage?
Antwort: Junge Schauspieler,die ein bisschen zu jung, ein bisschen zu schön und ein bisschen zu selbstsicher sind..

F: Fühlen Sie sich nun wie ein älterer Platzhirsch?
A: Na ja, ich habe zwar einen Opa in Around the Bend gespielt, aber ich fühle mich eigentlich noch nicht wie einer..
Wenn mich junge Schauspieler als Vorbild betrachten, finde ich das ok. Als Kind schaute ich mir auch immer wieder die gleichen Schauspieler an, die mich sicherlich stark beeinflusst haben.

F: Welche waren das?
A: Als Kind in den 50ern ging ich sehr oft ins Kino. Ich liebte Ben Hur, Richard Burton, Katharine Hepburn, Peter O`Toole. Der erste Schauspieler, an den ich geschrieben habe, war Ian McKellen, nur um ihm mitzuteilen, dass er in "The Promise" großartig war. Ja, ich habe Schauspieler-Helden. Viele.

F: Ist es heutzutage schwieriger für einen jungen Schauspieler, sich zu etablieren als damals, als sie anfingen zu filmen?
A: Ich hatte ja damals ganz andere Voraussetzungen: Show-Biz- Singen, Tanzen. Das war sicherlich kein Nachteil, denn ich hatte Zeiten, in denen ich eine Menge Fehler machte und die eigentlich keiner mitbekam. Ich glaube, niemand nahm so recht von mir Notiz, bis ich in den 30ern war und den Nick in Deer Hunter spielte. Bis dahin hatte ich also viel Zeit, um meine Fehler auszumerzen. Heutzutage ist man durch das Fernsehen einer so breiten Öffentlichkeit ausgesetzt, dass es ziemlich schwer zu verkraften ist, zuerst großes Aufsehen zu erregen und dann einen Flop zu landen; alles ist öffentlich-- mehr, als ich begann, Karriere zu machen.

F: Welche Ratschläge könnten Sie den jungen Schauspielern heute geben? Welche Hoffnungen machen?
A: Was ich für gewöhnlich tat, war, als ich das Skript bekam, zu checken, was für ein Charakter das war, dann versuchte ich, den Part für das Publikum zurechtzuschneidern. Das endete meistens in einem Desaster.

F: Hat Ihnen ein Schauspieler irgendwann einmal Ratschläge gegeben?
A: Als ich im Theaterstück The Lion in Winter mit Rosemary Harris und Robert Preston spielte, hatte ich schreckliches Lampenfieber und dachte, jetzt werden mich die Regisseure sicher feuern. Robert Preston half mir damals sehr. Er versuchte mich zu beruhigen und meinte , “Don’t stand in the wings and go over your lines. You’re getting yourself all wound up.”[Übertreibe nicht...]. Er hatte recht. Normalerweise kam ich auf die Bühne und wusste nicht, was ich da draußen eigentlich tat. Man hat so viele Nebensächlichkeiten im Kopf,dass es unmöglich ist, spontan zu agieren. Bevor ich 50 war, konnte ich kaum auf die Bühne treten, ohne vor Angst zu vergehen, aber schließlich "I could stand in the wings and look forward to going on stage".

F: Bevor Sie erfolgreich wurden, waren Sie häufiger knapp an der Arbeitslosigkeit?
A: Es gab Jahre, da arbeitete ich viel, aber eigentlich für nichts. 15 Jahre lang war ich eine Art Hausmeister in den Actors-Studios. Habe viel manuell gearbeitet. Dann wieder Theater-Workshops, aber eigentlich für nichts und wieder nichts.

F: Als Sie mit dem Filmen begannen: erinnern Sie sich an den ersten Tiefschlag?
A: Mein erster Film hieß The Anderson Tapes mit Sean Connery. Dann, [nach 1972’s The Happiness Cage] filmte ich einige Jahre überhaupt nichts mehr. Ich weiß nicht, warum, aber wenn das Telefon schweigt und dich niemand haben will, ist das schon sehr zäh....

F: Und Höhepunkte?
A: Filme, die populär sind und gute Rezensionen erhalten und Leute, die auf einen zugehen und sagen, oh- was für ein guter Film- das ist zweifellos das, was man sich wünscht. Dann- auf einmal, aus unerklärlichen Gründen, spielst du in einem Film mit, der ein Desaster wird, z.B. Gigli--das ist wie ein Schlag in die Magengrube. Ich war damals gerade in einem Makeup-Wohnwagen, und jemand begann mir die Kritiken von Gigli vorzulesen, und ich dachte mir, wie konnte das bloß geschehen?

F: Während der Dreharbeiten zu "Catch Me If You Can" erzählte Leonardo DiCaprio von einer Szene, wo sie anfingen, schnell zu atmen und er wirklich dachte, Sie hätten einen Herzanfall. Erinnern Sie sich daran?
A: Ja, wir drehten diese Szene in einem Restaurant, und ich erzählte von meiner Frau. Ich habe eine Technik, Szenen in verschiedenen Tonlagen darzustellen. In jeder Szene, die wiederholt wird, möchte man normalerweise besser sein. Ich versuche, die Szenen immer anders anzulegen – eine schnell zu drehen, dann mehr Zeit für eine anderen zu nehmen, dann, als ob die Szene lustig wäre, dann, als ob sie ernst wäre. Wenn dann die Szenen später zusammengesetzt werden, entsteht ein bunt zusammengesetzes Szenario.

F: Johnny Depp sagte einmal, er glaube immer, er werde gefeuert, wenn er einen neuen Film dreht, weil er die Rolle immer auf seine Art spielen will. Denken Sie auch so über sich?
A: Mit Johnny sind sie wohl sehr nett und lassen ihn machen, was er für richtig hält. Er ist einer der besten. Wenn man ihm zusieht, muss man einfach lachen. Ich habe selten jemanden sagen gehört, ok, du bist für deine dir zugedachte Rolle engagiert, aber du musst es dann trotzdem so und so machen.” Ich würde dann mit Garantie erwidern: “Ich weiß nicht, wie ich es so machen soll.”

F: Wie oft haben Sie den vorgegebenen Charakter geändert?
A: Man kann nicht den Charakter am Papier ändern, aber man kann es mit seiner eigenen Art und Weise. Der Autor eines Skript versucht manchmal darauf zu pochen, wie er dies und jenes sehen will. Ich habe Skripts gelesen, die sich wie eine Anleitung zum Kauf einer Waschmaschine anhörten. Darauf achte ich nicht. Ich konzentriere mich hauptsächlich auf den Dialog. Wenn die Anweisung kommt, mach es "sehnsüchtig" oder "ärgerlich", dann würde ich am liebsten das Gegenteil tun.

F: Sie tendieren immer dazu, bizzare Sonderlinge zu spielen. Warum eigentlich?
A: Einer der Gründe ist, dass es nicht viele Schauspieler gibt, die im Showbiz tätig sind, seit sie 3 Jahre alt sind. Das hat mich geprägt. Ich bin ein "Show-Business-Tier". Meine Art zu sprechen, alles, was ich mache. Da ist ein bisschen etwas Fremdartiges dabei. Fremdartigkeit verschwimmt leicht mit sonderbar und gefährlich. Es sieht so aus, als ob ich in diesem Metier eben gut bin, und so kriege ich immer diese Rollen zugeschanzt. Ich würde gerne mal einen einfachen Mann spielen, mit Frau und Kinder, die mich fragen: Papi, hilf mir mal..? Manchmal bekomme ich dies Chance. Aber im Prinzip ist man schon zufrieden, wenn sie dich überhaupt haben wollen.

F: Sie kochen sehr gerne und reisen mit einem zusammenklappbaren Dampfgarer, um so nach chinesischer Art frischen Fisch zubereiten zu können. Welche Küche bevorzugen Sie?
A: Italienische. Die Europäische im allgemeinen. Man verwendet nur die besten Zutaten und bereitet sie so einfach wie möglich zu. Keine Butter, sondern Öl und Knoblauch. Manche geben so viel Geld aus für vorgekochtes und verpacktes Essen. Sie verstehen nicht, dass es anders viel billiger ist, und besser, selber einzukaufen und zu kochen. Wenn ich meine Rollen lerne und zugleich ans Essen denke, hilft es mir, mich ein wenig abzulenken. Ich lege mein Skript auf den Küchentisch und lese meine Zeilen, während ich koche.

F: Was essen Sie am liebsten?
A: Ich esse eigentlich immer das gleiche: Fisch, wenig Fleisch; Huhn, Gemüse. Ich trinke keine harten Getränke, aber einem guten Glas Wein bin ich nicht abgeneigt.

F: Sehen Sie viel fern?
A: Oh ja, ich schaue mir viele Filme an. Und den Comedy Channel, um die Stand-ups zu sehen. Sehr gerne sehe ich Charlie Rose.
F: Jemals South Park gesehen?
A. Nein. Aber Seinfeld either.

Originalartikel

 



Cosmopolitan Interview, 1981


"Wenn ich zu jemandem sagen kann, er soll tot zusammenbrechen und zur Hölle gehen, dann ist das ein guter Tag." (CW, 37-jährig)
In den 80ern, wenige Monate vor dem tragischen Tod von Natalie Wood während einer Feier auf ihrer Yacht- und einige Zeit, bevor er mit "At Close Range," "King of New York," oder "Pulp Fiction" Furore machte, setzte ich mich mit Christopher Walken zusammen: heraus kam ein Interview, in dem er schonungslos mit sich und seinem bisherigen Leben abrechnete. (Cosmopolitan Interview, 1981).

Von Guy Flatley

Dieser quecksilbrige Schauspieler schlägt sich durch das Leben mit der Anmut des Tänzers, der er einmal war, und sein Benehmen eines unartigen Jungen wird uns wohl immer in Erinnerung bleiben.


Er stiehlt sich pantherähnlich einher, in Gedanken versunken, durch die dunklen Straßen, während sich Paare auf Vordertreppen küssen und Rowdies ihr Unwesen treiben. Mit seinem straffen Gang, flachsblondem Haar, eine fantastisch geschmeidige Figur im mitternachtsblauen Shirt und weißen Faltenhosen, schreitet er über die heruntergekommene Manhattan’s Upper West Side. Er ist entweder leicht angeheitert oder verträumt – eingeschlossen in ein Universum, das er sich selbst gemacht hat...oder beides....

Als er mich sieht–ein Fremder–auf der obersten Treppe vor seinem eleganten umgebauten Sandsteinhaus, fällt ihm in gespieltem Staunen die Kinnlade runter. Ja, ich bin immer noch hier, 40 Min. nach dem vereinbarten Termin und bereit, CW zu interviewen, den Anwärter auf den Oscar für die beste Nebenrolle 1979 (für seine hinreißende Performance als selbstmörderischer Kriegsveteran in "The Deer Hunter"), der aufkommende Star des verissenen "Heaven's Gate" und des bald erscheinenden "The Dogs of War".

"Warum gehen Sie nicht rein?" fragt er, beschwingt die Treppe heraufspringend.
"Die Tür ist verschlossen."
"Ist meine Frau nicht da ?"
"Wenn sie da ist, dann reagiert sie nicht auf mein Klingeln."
"Ich hatte ein Meeting in der Stadt und war mir sicher, daß sie Sie reinlassen würde", sagt er etwas perplex und leicht verlegen "Nun, dann kommen Sie rein, und wir relaxen mit ein bisschen Wein und unterhalten uns. Möchten Sie die Themen bestimmen?"
"Das wäre toll."
"Normalerweise rede ich eher Unsinn," sagt er, während er mich in einen Raum mit hohen Decken, Schienenbeleutung, glänzendem Parkettfußboden, weißen Ziegelsteinwänden, einladendem Kamin und Sofas zum Reinsinken führt; auch eine ältere Katze ist da. "Lassen Sie mich noch schnell pinkeln gehen und dann können wir anfangen".

Nachdem er sich erleichtert und zunächst noch nichts von sich preisgegeben hat, entscheidet sich der knabenhafte 37-jährige Schauspieler, sein 2-Familienhaus zur Schau zu stellen – ein Wohnzimmer und eine große, moderne Kücher oben, ein wunderschönes Arbeitszimmer unten, ein Gästezimmer, ein zentral gelegenes Schlafzimmer und das "untypischste in Manhattan": ein Bilderbuch-Sonnensaloon, von wo man den Garten überblicken kann. "Sie müssen unbedingt den Garten sehen", strahlt er mich an, während er sich vergeblich mit dem eigensinnigem Türknauf abmüht. "Meine liebe Gattin versucht mich wahnsinnig zu machen, sie scheint die Tür verriegelt zu haben. Außerdem ist das alles bescheuert. Wieso zeige ich Ihnen eigentlich mein Haus?"

Oben, gestärkt mit eisgekühltem Weißwein, reden wir über die Wandlung des kleinen Ronny Walken, Sohn eines Bäckers und einer showbiz-orientierten Hausfrau, in den Christopher Walken, ein aufkommenden Schauspieler, der seinen ersten Auftritt 1976 als Chance Wayne im Theatersütck "Sweet Bird of Youth" von Tennessee Williams hatte. Ein ungestümer Schauspieler, dessen Aufmüpfigkeit oft Turbulenzen hinter den Kulissen verursachte, z. B. als er nach einer blutigen Rauferei mit 2 jungen Männern im Krankenhaus landete; die beiden hatten ihr Radio so laut aufgedreht, dass sie seine heilige Ruhe störten.

Um Mrs. Walkens Träumereien zu verwirklichen, verließen Ronny und seine 2 Brüder die Manhattan’s Prof. Children’s School, um an eine Akademie zu wechseln, die ihnen ideal schien: vor allem der Zeitplan war flexibel. Schon Milton Berle, Celeste Holm, Carrie Fisher, Amy Irving, Carol Kane und Diane Lane waren dort hervorgegangen. (Chris jüngerer Bruder Glenn spielte eine kleine Rolle in "Apocalypse Now" und ist aufstrebener Schauspieler. Ken, der älteste der Brüder, managte die Familienbäckerei in Astoria, Queens, mit Mutter und Vater Walken).
"Als ich in die PCS [Professional Children School] ging, war das Verhältnis der Mädchen zu den Jungen 82 zu 2," sagt Chris, und seine hypnotisierenden grauen (?) Augen glänzen verträumt in Erinnerung an seine ehemaligen Schulkameraden. "Ich hatte die unglaublichsten Vorstellungen, die ein Kerl jemals haben konnte, und manchmal wunderte ich mich über mich selbst, wie ich auf andere wirkte. Ich brauchte nie um eine Verabredung zu bitten – und da waren all diese wundervollen Frauen, Models, Tänzerinnen und Schauspielerinnen. Ich glaube, ich habe mich nicht ein einziges mal ernsthaft mit einem anderen Mann unterhalten, bis ich 22 Jahre alt war."
Wirklich, Walken hatte Stil, Humor und sexuelle Anziehungskraft, die sicher hilfreich für seine Popularität war.
"Er war der hübscheste Teufel der Schule," sagte Klassenkamerad M. Hamlisch. "Weil er so hübsch war, bekam er die besten Rollen in vielen unserer Shows. Ich erinnere mich, dass er in einer Nummer spielte, 'All Dressed Up and No Place to Go'. Er war einfach großartig. Keiner glaubte, dass er ernsthaft Schauspieler werden würde. Wir dachten, er würde als Model enden oder vielleicht im Musical-Fach."
"Ich lernte ein bisschen von allem", sagt Walken und schenkt mir großzügig Wein nach. "Singen, Tanzen – im Grunde eigentlich bedeutungslos. Aber das Leben entwickelt sich manchmal so, und vielleicht steuert es auf eine Richtung zu, die einem echtes Vergnügen bereitet."

Das Vergnügen, ein Zigeuner in der Tanzgruppe von "Best Food Forward" zu sein, eine 1963-er Broadway-Wiederaufführung mit L.Minnelli – damals bekannt als Judy Garland's temperamentvoller Sprössling– war das kürzeste und frustrierendste Gastspiel von all den den Tanz-Rollen. "Ich erinnere mich, ich war 20, tanzte am Broadway in der Gruppe von High Spirits, und der Typ neben mir hatte einen Sohn meines Alters. Ich dachte nach: Mensch, ich hoffe, dass ich nicht von der Hand in den Mund lebe, wenn ich mal 45 bin. Er schien glücklich zu sein, aber eigentlich war er dumm. Wenn er halbwegs intelligent gewesen wäre, wäre er nicht hier gelandet in diesem harten Job."

Aber auch im härtesten Leben gibts was zu lachen – und vielleicht ist das ein "all-time" Nervenkitzel, so einen wie Noel Coward zu treffen. "High Spirits" war die letzte Show, in der Coward jemals Regie geführt hat", sagt Walken. "Er war wegen seiner angegriffenen Gesundheit am Ende von Gower Champion ersetzt worden. Jedenfalls – wie Sie vielleicht wissen – keiner hat den Mitgliedern unserer Truppe je irgendeine Beachtung geschenkt. Aber gleich am 1. Tag schüttelte Coward die Hand jedes einzelnen Tänzers. Als ich in meinem grell-roten T-Shrit dastand, war ich vor Ehrfurcht ergriffen.
 "Das ist ein interessantes Shirt", sagte er.
"Es ist rot", murmelte ich.
"Ja", sagte er, "nun, es war ein aufregender Tag für uns alle."

Unter diesen großen Stars stachen zwei hervor: Tammy Grimes und Bea Lillie – der eine ein Kind des Theaters mit großem Ehrgeiz. „Die meisten Musicalstars sind eher klein, und ich war groß und stark. Teil meines Jobs von Anfang an war hinter den Kulissen zu stehen, Bea auf ihrem Fahrrad fest zu halten und ihr einen Schubs für ihren Auftritt zu geben. Eines Nachts drehte sie sich zu mir um und sagte: 'Oh hallo, Du musst der neue Junge sein!' Bis zu diesem Tag wußte ich nicht, ob sie scherzte oder ob sie dämlich war und wirklich nicht wusste, dass ich ihr Fahrrad seit über 5 Monaten anstieß."

Tänzer drücken ihre Gefühle in Schritten, nicht in Worten aus. So war das auch mit den Erwartungen 1967, als Walken die Rolle des König Philip in "The Lion in Winter" am Broadway bekam. "Ich bekam den Part und weiß immer noch nicht, warum," sagte er, und seine aufreizend-derbe Stimme klingt etwas verlegen.

Rosmary Harris (spielte Eleanor von Aquitaine) war nicht überrascht, als Walken den Clarence Derwent Award als der vielversprechendste Neuling des Jahres erhielt. "Sie wusste vom 1. Tag an, als sie ihn sah, dass ich etwas Besonderes war", sagte sie zu mir während einer Pause in der Aufzeichnung von Chekhov’s "The Sea Gull", einer Off-Broadway Produktion, in der sie Madame Arkadina spielt. ("Ich verehre ihn und bin erfreut über seinen Erfolg. Aber ich glaube, Chris hat sein Potential noch nicht erreicht. Er hat noch eine Menge Überraschungen für uns auf Lager.")

Nach "The Lion in Winter" zog er sich vom Tanzen zurück, stürzte sich in das Abenteuer Theater und gab sein Filmdebüt in einer Nebenrolle in Sidney Lumets "The Anderson Tapes", gefolgt von "The Happiness Cage". "Das war nun wirklich mies" sagt er, während er seine sanftmütige Katze streichelt, „und für eine Weile schaute es so aus, als ob meine Filmkarriere beendet wäre. Ich war aber nicht demoralisiert – ich glaubte halt, es kommt wie es kommt- die wenigsten Schauspieler machten jemals Filmkarriere."

"Wenn du im Showbusiness bist, kannst du groß aufsteigen oder auch gar nicht. Ich beglückwünsche mich nicht, dass ich am Ende groß gelandet bin. Zum Erfolg gehören auch Glück und Ausdauer. Ich bin ziemlich ausdauernd. Ich schlage mich so lange, bis ich tot bin, weil ich eh nichts Besseres zu tun habe und weil ich es mag, zu kämpfen. Ich will Konflikt in meinem Leben. Ich liebe es, mit Agenten zu argumentieren, Leute schreien mich an, sagen mir, daß ich ein Trottel bin. Wenn ich jemanden sagen kann, er soll tot zusammenbrechen und zur Hölle gehen, dann ist das ein guter Tag."

Walken – ein Lächeln umspielt seine Lippen – rettet sich in sein Weinglas. "Ich war schon immer ein nerviger Faulenzer, ziemlich abscheulich und arrogant. Ich sage viele Dinge, ohne nachzudenken, aber ich bin auch der erste, der zugibt, dass er blöd war. Jemand sagte mir, dass er mich nicht mag wegen dem, was ich geworden bin, aber ich glaube, man sollte lernen, die Leute zu tolerieren – ihre guten und schlechten Seiten anzunehmen. Ich glaube definitiv, dass es Leute auf dieser Welt gibt, die schikanieren, die immer Action wollen und so immer in der Suppe rühren. Eine Menge Leute, die ich kenne, denken, ich bin absolut schrecklich (pain in the A.) – aber ich bin recht umgänglich,  denn, verstehen Sie - es ist besser, mich zu kennen, als mich nicht zu kennen. Außer in Californien. Alles ist dort so zäh. Man kann einfach nicht in einen guten Kampf reinkommen.
Nicht so in NY, wo eine Bombe hochgehen kann, wenn man seine Wut abreagiert....so wie es an einem Nachmittag im Oktober 1979 geschah, als Walken mit William und Sam Ortiz aneinander geraten war, ausgelassene Brüder, die den Radio ziemlich laut aufgedreht hatten. Der cholerische Schauspieler bat eindringlichst um Ruhe, was ihm eine gebrochene Nase und Finger einbrachte. "Leute, die mich kennen, waren nicht überrascht, dass das passierte. Ich lebe in NY, und ich bin ein weiser Kerl. Alles was ich tat, war, auf diese 2 Typen zuzugehen und sie zu bitten, ihr Radio runterzudrehen."

Später beharrten die lauten Geschwister darauf, (einer von ihnen bekam eine Strafe von 9 Monaten, die er im Knast verbrachte), sie hätten sicher nichts getan, wenn Walken höflich angefragt hätte - eine Behauptung, der Chis nichts beimisst. "Ich begriff: wenn ich angegriffen werde, hört sich der Spaß auf. Wie auch immer, mit dem einen Kerl legte ich mich an, und der andere schlug mir mit einem Stock auf den Kopf. Nun, ich entschied, damit zum Gericht zu gehen, und ich ging hin mit einem gewaltigen Respekt ....und ging mit einer Portion Respektlosigkeit wieder hinaus."

"Es ist gut, dass ich Schauspieler bin und etwas Geld habe. Ich hasse es, darüber nachzudenken, was mit einem armen Kerl passieren würde, jemandem ohne den Luxus von Zeit und Geld. Ich sage Ihnen, ich hab ganz schön Krawall gemacht. Vielleicht ist das nur die Stadt NY – ich meine, ich liebe NY, aber diese ermüdenden Intrigen des legalen Systems sind depremierend. Du kannst in ein Haus einbrechen und den Besitzer berauben, ihn verletzen, mit einem Ziegelstein schlagen und das Gesetz würde Dir keine Beachtung schenken. Du must jemanden eiskalt umbringen, bevor sie dich ernst nehmen."

Das Telefon läutet, und Walken – mit der Anmut des geborenenen Tänzers- eine Kreuzung zwischen Cagney und Baryshnikov – wedelt in die Küche, wo er dem Anrufer nur wenig Beachtung schenkt. "Nein, das kann ich nicht machen, ich bin gerade beschäftigt, und ich fahre eh nicht selber. So ist es und nicht anders. Ich rufe Sie später an."

"Autofahren tut meine Frau," sagt Walken und wendet sich wieder mir und seinem Wein zu. "Sie ist sehr umsichtig. Sie passt auf mich auf, sie heitert mich auf. Sie ist mein Partner, und sie genießt es, häusliche Sachen zu tun, verwaltet das Geld und kümmert sich um die Geschäftssachen. Wenn es nach mir ginge, würde ich Frauen mehr Verantwortung übertragen. Männer lehnen es ab, ernsthafte Aufgaben mit Frauen zu teilen, zu ihrem eigenen Nachteil. So haben sie zu wenig Zeit, um fischen zu gehen, Kartenspielen und Wein zu trinken."
Wäre ein "Rollentausch" fair? Was wäre, wenn Georgianne, eine begeisterte, ergeizige Revuetänzerin ihre Karierre wieder aufnehmen würde (die beiden heirateten vor 11 Jahren). Würde sich Walken dem Kartoffelschälen oder den Bezahlungen von Rechnungen widmen? "Nein, weil ich ein besserer Schauspieler als sie bin. Du musst das tun, was du gut kannst. Nebenbei hat Georgianne erkannt, dass ich meinen Hintern nicht hochbekomme, dass ich keine Verantwortung tragen will. Ich will rumlaufen und den ganzen Nachmittag lang Wein trinken. Wenn ich mich einmal beengt fühlen sollte, gebe ich vor, ein Stück einzustudieren mit Recherchen und so. Wenn ich sage, ich recherchiere für die Rolle, soll sie sagen, nein, tu das nicht?"

Langsam fängt das ganze an, feministisch zu klingen, aber Rosmary Harris hatte mir versichert, dass sich Walken in absolutem ehelichen Gleichklang sonnt. "Machen Sie sich keine Sorgen um Georgy", sagte Mrs. Harris. "Sie ist ein sehr cleveres Mädchen mit einem wundervollen Humor, und sie liebt Chris wirklich sehr und weiß, wie man ihn glücklich macht. ... und umkehrt!"

Kurz nach meinem Interview mit Walken treffe ich auf die besagte, um einen Kopf kleinere Dame selbst. "Chris ist definitiv kein männlicher Chauvinist". Georgianne, ein gertenschlanker Rotkopf, sagt zu mir : "Tatsache ist, er fühlt, dass Frauen eine Chance bekommen sollten, alles tun zu können."
"Ja, er sagt mir, dass Männer so mehr Zeit hätten für Fischen und Kartenspielen."
"Nichts von dem tut er", sagt sie lachend.
"Er behauptet auch, er drücke sich vor der Hausarbeit- das stimmt nicht..."
"Davon weiß ich nichts" sagt sie, "aber ich weiß, dass es viel einfacher ist, die Dinge zu erledigen, wenn der Mann, den Du liebst, aus dem Haus ist. Es ist okay für Chris, zu recherchieren oder was immer er tun will. Er ist ein wundervoller, netter Man mit einem wunderbaren Humor. Ich habe mich in ihn verliebt, als ich ihn das 2. Mal sah , und seither sind wir zusammen. Chris und ich geht es wirklich gut."

In diesem Augenblick ist Chris in seinem Element Er beschreibt die Freuden des "Recherchierens und Forschens". "Leute haben solchen Respekt vor diesem Wort....'forschen/recherchieren'. Du kannst alles vermasseln, nur rumsitzen und verdammt nochmal nichts tun. Sag einfach, Du recherchierst, und die Leute haben Respekt. Schauspieler haben das größte, gottverdammteste Abkommen in der Welt. Lass niemanden je sagen, wir arbeiten hart.(..) Tatsächlich versuche ich fit zu bleiben – ich esse vernünfig und rauche nicht. Aber im allgemeinen bin ich ein Faulenzer."

Und sehnt sich Walken danach, die Sprüche von kleinen Faulenzern zu hören und kleine Füße ringsherum in seinem Doppelhaus in Connecticut? "Kinder? Niemals !" "Warum nicht?" "Weil ich sie nicht mag. Oh, es ist okay, wenn sie so um die 20 Jahre alt sind. Ich habe Neffen und Nichten, und ich liebe es, sie zu sehen. Aber dann mag ich es umso lieber, wieder nach Hause zu gehen."

Walkens ideale Nachkommen würden ohne Zweifel aus Zelluloid geboren sein, so wie das "Bigger-than-Life"- Image erschaffen wurde. Sagen wir, wie der schweigsame, sinnliche Schurke in "Next Stop Greenwich Village", oder vielleicht der Held in "Dogs of War" oder vielleicht auch der tödliche, aber auch liebenswürdige Revolverheld in "Heaven's Gate". Vielleicht aber auch der gute, romantische Stahlarbeiter, dem der Vietnamskrieg makabre Albträume beschert – "The Deer Hunter". Walken hat endlose Stunden in einem Käfig im River Kwai verbracht, wo seine Mitspieler aggressive Ratten und unersättliche Moskitos waren. Komischwerseise hat sich Chris nicht beschwert. Chris' spezielles Geschenk – als Schauspieler – ist seine Bereitschaft, alles zu versuchen und alle Möglichkeiten einer Szene durchzuspielen.
Er verliert niemals seine Begeisterung.
"Schauspielerei ist meine Art zu leben", sagt Walken nicht ohne Stolz, "mir geht es gut so, was andere Leute nicht von sich behaupten können. Natürlich habe ich kein Wochenende....ich habe ein konstantes Wochenende. Ich kann nie sagen, wann ich arbeite und wann ich spiele." Hat er jemals davon geträumt, ein legendärer Superstar zu werden? "Das ist ja nicht die Hauptsache, aber ja, ich genieße es, reich und berühmt zu sein. Als "The Deer Hunter" raus kam, hielten mich die Leute auf der Straße Leute an und fragten nach Autogrammen-klasse! Ein anderes Mal spazierte ich vier Stunden auf der Straße herum, und keiner erkannte mich. Ich dachte, meine Karriere ist im Eimer und ich sollte schnell handeln!
Gelegentlich möchte ich alle großen Rollen im Theater spielen – aber so bin ich nicht. Ich bin so ein arroganter Bastard, dass ich fühle, wenn es das Schicksal will, wird es so kommen. Ich bin glücklich und erkenne an, dass es Dinge gibt, die ich nicht verstehe. Zum Beispiel bin ich mir nicht immer sicher, was ich über mich denke. Ich bin einfach nur ein Kerl, der Glück hat.
Ich dachte viel darüber nach, zum Psychoanalytiker zu gehen, weil ich gerne über mich rede (das Sprechen über mich eine wundervolle, reiche Erfahrung ist). Aber mein Analytiker tat mir leid, bevor ich ihn überhaupt traf. Warum sollte man jemanden dieser Tortur unterziehen? Nun sehen Sie, der Grund, warum ich nicht zum Analytiker gehe, ist selbstlos und menschlich. Der andere Grund ist, Leute gehen zum Analytiker, um ihre Krankheit zu heilen, für Schauspieler ist ein wenig Irrsinn recht gut. Es wäre reine Geldverschwendung, zur Therapie zu gehen. Warum werden wir nicht die Dinge los, die an uns nagen? Ich denke, es gibt nichts Langweiligeres als einen Schauspieler, der sich selbst normalisieren will. Das einzige, das für ihn übrig bleibt, ist, einen Job in einer Versicherungsgesellschaft anzunehmen.
Ich verstehe nicht, warum man schlechte Zeiten in einem Schauspielerleben meiden sollte, als wäre Verrücktsein etwas Schlechtes. Jeder versucht immer, irgendetwas zu finden, damit das Leben mehr ist als ein wackeliges Experiment. Mein Leben könnte schon morgen die Toilette runtergehen. Die Kritiker und die Öffentlichkeit könnten zum Ergebnis kommen, dass ich ein grauenhafter Schauspieler bin. Das ist Showbiz! Ich verstehe nicht, warum Leute sich so aufregen, oder worüber sie sich aufregen. "

Ich liege also mit der Vermutung falsch, dass Walken sich darüber aufregt. "Ich liebe es, interviewet zu werden! Manche Schauspieler sind so vorsichtig in Interviews, so besorgt, etwas Dummes zu sagen. Aber ich nicht. Ich kann es nicht abwarten, zu sehen, wie ich ankomme. Du weißt nie, wie viele Leute, die ich nie zuvor getroffen habe, das lesen. Und ich bin ein bisschen betrunken. Was man sagt, bedeutet weniger als das, was man hört. Vielleicht höre ich mich narzisstisch an, aber in meinem Geschäft ist es sehr wichtig, den Unterschied zu kennen, zwischen dem, was ich denke und was ich sage und der Art, wie man es wahrnimmt. Die Presse hat herausgefunden, dass ich nicht immer weiß, worüber ich rede und dass ich dazu tendiere, mir öfters zu widersprechen. Aber ich bin halt wie ich bin. Was mehr kann jemand noch anbieten? Wenn was Nettes dabei rauskommt...fein....aber wenn ich mich wie ein Dummkopf anhöre, ist das auch okay."

Walken pausiert und starrt in sein Weinglas, als ob er nach einem cleveren Satz suche, bevor der Vorhang fällt.

“Even geniuses,” he says, finally, “can only keep people interested a day at a time.”

Originalartikel (englisch)

 

 

Walken and talkin'
Premiere-Artikel, 2004


"CHRIS-KOMM DA RÜBER!!"
 

Interviewer Sr. Editor Glenn Kenny: "Ich bezweifle, dass Interviews zu geben Chris' bevorzugte Unterhaltung ist. Nachdem ich mich mit ihm ein wenig unterhalten habe, wuchsen meine Bedenken, ihn misszustimmen. Er ist nicht so wie seine sadistischen Irren, die er in seinen Filmen darstellt, nein, gerade das Gegenteil. Er hat eine sehr verletzliche und empfindliche Seite, die man in den Filmen, die er in den letzten Jahren gedreht hat, nicht bemerkt; aber denken Sie an "Die durch die Hölle gehen" oder "The Dead Zone", da merkt man es im Überfluss- und das IST er..."


Fotosession mit Julian Schnabel, einem Busenfreund von Chris Walken, und einer antiken hölzernen Polaroidkamera, auf der ebenso langwierig herumhantiert wird und auf die Schnabel in seinem Studio sehr stolz zu sein scheint, wenn sie wieder ein 20x24 inch-Foto ausspuckt. (1 inch= 1 Zoll= 2,54 cm)

"Chris, schau auf meine Füße!" Klick- "OK- und nun anders...". Schnabel dirigiert herum wie ein Regisseur, und Walken gehorcht. Doch dann wird es Chris allmählich zu öde, dieses stop and go, Anhalten, Entwickeln, Posieren und das ganze immer wieder aufs Neue. Er wirkt drahtig in seinem schwarzen T-Shirt unter einem leichten Jackett, ungeachtet des Anflugs eines (altersbedingten- senior breadbasket) Bäuchleins, das sich durch die Kleidung abzeichnet, und er posiert peinlichst genau die lässigen Stellungen nach, die der bärtige Schnabel für ihn ausgesucht hat.
In einer kurzen Pause gesellt sich Walken zu mir, und wir betrachten Schnabel's neueste Errungenschaft, eine Skulptur, die aussieht, wie Pappmaché, von Kinderhand gefertigt. Die Größe der Skulptur lässt uns allerdings beide staunen, und Walken grinst mir zu :"Wohin würden Sie denn dieses Ding stellen?"

 

Fotosession mit Julian Schnabel, einem Busenfreund von Chris Walken, und einer antiken hölzernen Polaroidkamera, auf der ebenso langwierig herumhantiert wird und auf die Schnabel in seinem Studio sehr stolz zu sein scheint, wenn sie wieder ein 20x24 inch-Foto ausspuckt. (1 inch= 1 Zoll= 2,54 cm)

"Chris, schau auf meine Füße!" Klick- "OK- und nun anders...". Schnabel dirigiert herum wie ein Regisseur, und Walken gehorcht. Doch dann wird es Chris allmählich zu öde, dieses stop and go, Anhalten, Entwickeln, Posieren und das ganze immer wieder aufs Neue. Er wirkt drahtig in seinem schwarzen T-Shirt unter einem leichten Jackett, ungeachtet des Anflugs eines (altersbedingten- senior breadbasket) Bäuchleins, das sich durch die Kleidung abzeichnet, und er posiert peinlichst genau die lässigen Stellungen nach, die der bärtige Schnabel für ihn ausgesucht hat.
In einer kurzen Pause gesellt sich Walken zu mir, und wir betrachten Schnabel's neueste Errungenschaft, eine Skulptur, die aussieht, wie Pappmaché, von Kinderhand gefertigt. Die Größe der Skulptur lässt uns allerdings beide staunen, und Walken grinst mir zu :"Wohin würden Sie denn dieses Ding stellen?"

Nach einiger Zeit geht`s ab zum Interview, einen Stock höher.
Walken sitzt aufrecht, die Fingerspitzen in gewohnter Manier in einem Dreieck aneinandergelegt. Zuerst kommt seine Vergangenheit ins Gespräch. 1953: Chris startet seine Karriere als Zehnjähriger in der NBC-Serie "The Wonderful John Acton". Aber auch sein Bruder Glenn war schwer beschäftigt: Er trat damals in drei Serien zugleich auf . Er wanderte von einem Sutdio in das andere. In den Fünfzigern wurden in New York jede Woche neun Life-Shows ausgestrahlt. Auf der Professional High School, die Walken besuchte, gab es richtige kleine Schauspieler-Kinder, wie Brandon de Wilde oder Petty Duke. Die meisten jedoch waren nur kleine "flackernde Sternchen", die mal hier und mal dorthin geschoben wurden, wo sie ihre Zeilen aufsagten.

Walken hinterlässt seinen ersten nachhaltigen Eindruck als Duane in Woddy Allen`s Annie Hall. Obwohl er einräumt, dieser Film sei ein künstlerisches Meisterwerk, ist Walken jener Typ Schauspieler, der die (harte) Arbeit über alles stellt.
Für uns Kinogeher ein Film der Extraklasse, für Walken waren es "ein paar Tage gute Arbeit", und diese gute Arbeit war der Startschuss für seine Karriere.


Premiere: Hatten Sie eigentlich eine Ahnung, wie lang der Film Annie Hall war, Ihre Rolle war ja sehr klein, aber doch sehr wichtig..
Chris Walken: Ich habe nie das ganze Skript gesehen, ich kenne nur meine zwei Szenen.

P: Welche Art Regisseur ist Woody Allen?
CW: Er hatte eine sehr ruhige Art, ich glaube, er hat mich gar nichr so sehr beachtet. Er war zwar anwesend, aber sehr unscheinbar. Selbst als ich vorsprach, schien er gar nicht vorhanden.-
Ich erinnerte mich, dass mich einmal während der Dreharbeiten zu Deer Hunter- ich glaube, ich war in Seattle- an einem Kinoplakat von Annie Hall vorüberging- die Gänsehaut überlief. Diese zwei so für mich wichtigen Filme kurz hintereinander...! (1977/78)

P: Apropos Nick: er ist zwar ein Teil einer Gruppe im Film, aber seine Verletzlichkeit, dieses Ätherische hebt ihn doch von den anderen sehr ab.
CW: Ja, und seit damals habe ich viele Charaktere verkörpert, die sich "etwas abheben". Das hängt damit zusammen, dass ich im Show-Biz bin, seit ich 3 Jahre alt war. Ich wuchs im Schow-Biz auf, ich ging in eine Show-Biz-Schule und wuchs in der Stadt auf. Ich hatte ein ungewöhnliches Leben: meine Erziehung kommt vom Musical-Theater, das ist ja eher unüblich, denn die meisten Kinder wachsen in einer anderen Umgebung auf. Aber ich bin dankbar dafür. Das alles hat mich geprägt und zu dem gemacht, was ich heute bin. Gottseidank bin ich im Show-Biz. Was sollte ich denn anderes machen? Wer sollte ich denn sonst sein?
Den Film Deer Hunter zu drehen, war einfach großartig: Ich war noch nie einer Situtation wie dieser, und dann noch mit diesen großartigen Schauspielern! Dann die geographische Lage, diese wundervollen Schauplätze. Ich war lange in Thailand, ein wirklich faszinierendes Land. Filme zu drehen ist zwangsläufig verbunden mit Reisen, aber wenn man als Schauspieler herumreist, dann schauen die anderen immer darauf, dass du ok bist. Sonst würde ich wohl nie solche Reisen unternehmen. Aber für`s Kino braucht man eben visuelle Effekte, da kommt man um das Reisen nicht herum.

P: Für eine Rolle brauchten Sie nicht fortzureisen: Pennies from Heaven , einem düsteren Musical, das Ihnen die Chance gab, ihre Sang- und Tanzkünste zu zeigen.
CW: Yep. Da hatte ich großes Glück damals. Es war ein wirklich großartiges Hollywood-Musical, und ich glaube das letzte MGM-Musical. Ich stand auf den gleichen Brettern wie damals Fred Astair oder Gene Kelly.

P: Und doch ist es düsterer als sonstige MGM- Musicals .
CW: Komisch, über die Story habe ich nicht besonders viel nachgedacht. Nur über die 12 Nummern. Der Mann, der mich anheuerte, war Danny Michaels, der war mein Tanzlehrer, als ich 12 Jahre alt war. Ich glaube, er sagte damals zur versammelten Crew- es war 5 Jahre nach Deer Hunter: Hey- Chris Walken kann steppen. Und die anderen sagten. Oh!- Und das wars dann.

P: Dann kam eine Zeit mit 2 Filmen, in denen sie die Hauptrolle spielten, beide waren Literatur-Verfilmungen. In The Dead Zone , nach einer Steven-King-Novelle, unter der Regie von David Cronenberg war die eine.
(Laut Cronenberg sagte Chris über diese Rolle: er ist so abgeschnitten von der Realität, und er wollte doch einfach nur normal sein. Seine Einsamkeit und Melancholie waren die Hauptthemen des Films, und alles spielte sich in Walkens Gesicht ab.)

Glauben Sie, es war da etwas an Ihnen, warum er Ihnen die Rolle gab?
CW: Sicher. Aber das ist immer so. Der Regisseur sieht in dir was und auch der Produzent oder wer auch immer. Als Kind ging ich zum Vorsprechen, und da hatte ich die Theorie, ich müsse mich total in den Charakter hineinversetzen und versuchen, genauso wie diese Person zu sein. Wenn die Rolle verlangte, ein rauer Geselle zu sein, dann sollle man sich so geben wie ein rauer Geselle und sich dementsprechend anziehen, um genau diesen Eindruck zu machen. Aber nach einiger Zeit bemerkte ich, dass dies danebenging. Wenn mir heute jemand eine Rolle anbietet, dann gehe ich zu denen hin, und, ob ich jetzt was vorlese oder nur dort sitzen soll, dann spiele ich denen nichts mehr vor, und so ist mir am wohlsten. Das heißt, ich mache gar keinen Versuch, so zu tun, wie sie sich mich vorstellen würden. Dann sollen sie entscheiden, ob ich geegnet bin für die Rolle oder nicht.
Aber David ist ein sehr interessanter Mensch. Ich wünschte, ich sähe ihn öfter.

P: Ungefähr zur selben Zeit drehten Sie Brainstorm , eine schwierige Zeit, aus mehreren Gründen: erstens kam der Regisseur, Douglas Thumbnall, aus einem völlig anderen Metier (Special-Effekts) und war vielleicht etwas unerfahren im Umgang mit Schauspielern.
CW: Nein, nein, es war eine wundervolle Zeit. Ich mag Douglas wirklich gern. Ich habe ihn seither nicht mehr gesehen. Aber wie Sie wissen, geschah dann das Unglück mit Natalie Wood kurz vor Ende der Dreharbeiten. [Walken war an Bord des Schiffes mit Robert Wagner, als Nathalie Wood aus unerklärlichen Gründen von Bord ging]. Dann stellte sich natürlich die Frage, wie soll man den Film zu Ende drehen oder überhaupt ändern? Aber wir schafften es dann doch irgendwie.

P: Als ich CW fragte, wie hart es wirklich gewesen war, nach Woods Tragödie weiterzuspielen, blickt er zur Decke und atmet tief durch; seine Schultern sinken etwas nach unten wie unter einem imaginärem Gewicht. Es mag blöd klingen, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass er mir was vorspielte. Natürlich war er sehr mitgenommen von Woods Tod.

Aber von nun an kamen etwas "leichtere" Rollen. Zum Beispiel die des Schurken im James Bond-Film A View to a Kill , mit GraceJones als Ihr Handlanger. Ich erinnere mich da an diese interessanten Haarstylings.
CW: Bei Grace war es weniger ihr Haar als ihre Hüte. Ich ging mal mit ihr aus, und ich musste mich immer ducken, wenn sie ihren Kopf bewegte. Aber sie ist phantastisch. Wir waren echt ein interessantes Paar. Yeah, interesting couple. Es ist lange her, dass ich diesen Film gesehen habe.

P: Wie war es denn so, einen Film zu drehen, der so viel mit Special Effects arbeitete? Haben Sie vor Blue Screens gespielt?

CW: Ich erinnere mich an den Kampf am Ende auf der Golden- Gate- Brücke; sie hatten Modell-Brücken in drei verschiedenen Größen. Eines war knapp über dem Boden, dann war ein etwas größeres Modell und dann eins, das ziemlich gefährlich war. Da war ein Dreh von mir auf der richtigen Golden-Gate-Brücke. Viele Aufnahmen wurden vom Hubschrauber aus gemacht. Und dieser Stunt Kerl war so offensichtlich nicht wie ich, sie machten sich nicht die Mühe, einen Stuntman zu holen, der aussah wie ich. Sie stülpten ihm lediglich eine gelbe Perücke über.

P: Der Film At Close Range handelt von einer Kriminellenfamilie, mit Sean Penn als Sohn, der sich schließlich gegen Sie wendet. Ist das richtig, dass er auf einer wahren Gegebenheit basiert ?
CW: Ja, aber die echte Familie war nicht annähernd so nett/klug wie wir. Die waren wirklich verrückt. Wir waren viel attraktiver.
P: Fotogener, aber trotzdem ganz schon daneben.
CW: Yeah, ich weiß, es war ein guter Film.

P: Und diese Rolle, glaube ich, führte dann zu einer Reihe von Filmen, in denen Sie eine Art AVATAR OF MENACE (Drohnung) spielten .(1991: Comfort of Strangers : Paul Schrader erinnerte sich, wie sie über einen anderne Film diskutierten, wo Sie von unten beleuchtet werden sollten, und Sie sagten zum Regisseur: "Sie brauchen mir nicht zu sagen, wie ich böse schauen muss, ich mache das auf meine Art...."
CW: Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern, ob ich das gesagt habe: ich glaube nicht, dass man die Dracula-Beleuchtung braucht, wenn der Charakter hinreichend definiert ist. Tatsache ist, dass die Rolle des Robert in Comfort of Strangers mir echt unter die Haut ging- und es gibt wenige Filme, in denen dies geschieht. Ich war sehr erleichtert, als der Film abgedreht war. Der Kerl war wirklich echt schwer gestört. Wahrscheinlich mehr als jeder andere, den ich nachher gespielt habe.

P: Gestört und sehr rätselhaft gegen Ende des Films. Das Drehbuch stammt ja von Harold Pinter, nach Adaption einer Novelle von Ian Mc Ewan. Schrader hat notiert, dass Pinters Stab wirklich hart im Nehmen sei.
CW: Sicher. Was sagt Iago am Ende von Othello? "Frage mich nichts. Was du weißt, weißt du. In Zukunft werde ich kein Wort mehr reden. Wenn du Tatsachen berichtest, dann sprich von mir, wie ich bin."
Wir drehten hauptsächlich in Venedig. Und so wurde ich für kurze Zeit ein Bürger der Stadt, ich glaube, so ungefähr 3 Monate lang. Immer, wenn ich nichts zu tun hatte, ging ich spazieren. Noch heute kenne ich gewisse Wege sehr gut, z.B. zu einem speziellen Restaurant. Ich ging zu diesem berühmten Opernhaus, ich hatte ein Restaurant, wo die Gondoliere aßen.

P: Wie handhabten Sie den unüblichen Akzent der Darsteller?
CW: Ich sah mir Rossano Brazzio-Filme an. Ich nahm mir eine Menge Filme mit, besonders die, wo K. Hepburn mitspielt. "Summertime", in Venedig gedreht. Ein wundervoller Film. Ich versuchte, ihn ein wenig zu kopieren. Und ich wusste, ich würde es nie können und niemand würde ahnen, dass ich es versucht hatte, denn ich bin furchtbar im Hochstapeln. Oft, wenn ich eine Rolle angeboten bekomme, denke ich mir: wer würde wohl für diese Rolle perfekt sein? You know, tot oder lebendig.
Dann beschloss ich, nicht nachzuahmen- ich war gerade zuhause und studierte ein Skript-, weil ich dann nicht wiederzuerkennen bin. Manche Schauspieler sind gut darin, aber ich nicht.

P: King of New York : Abel Ferraras Geschichte eines kriminellern Mafiosokönigs, der einen Hang zum Philantropisten hat, ist ein Kultfavorit mit einer phänomenalen Finalszene im Time Square Verkehrsstau. Es war ein niedrig budgetierter Film, wie funktionierte das?
CW: Keine Ahnung. Abel war dafür zuständig. Aber er legte den Verkehr stundenlag lahm. Ich weiß bis heute nicht, wie er das alles hingekriegt hat.
Da ist noch ein für mich entscheidender Dreh im Film. Es ist nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis, und ich dusche mich. Einen Moment lang schaue ich in die Linse, ich meine, nur ich bemerkte es in diesem Augenblick- weil ich mir noch dachte: Uh-oh- du schaust grad in die Kamera. Aber es ist interessant, weil das sehr selten in Filmen geschieht. Das war wirklich wie ein Blick in die Augen eines Menschen. Und das geschah auch mit dem Publikum im Kino. Es ist nur ein kleiner Moment der Verständigung, aber Frank White beginnt, mit den Zusehern zu kommunizieren.
P: So eine Art Komplizenschaft..
CW: Yeah..
P: Die sich in allen Beziehungen im Film wiederspiegelt .
CW: Yes.

P: In den 90ern wurden Sie der Vorzeigeknabe dieser "besonderen" Charaktere. Sie hatten 2 kurze Rollen in Filmen von Quentin Tarantino: sie sind grundsätzlich verschieden. In True Romance (Regie: Tony Scott), spielten Sie einen Mafiaboss, der eigentlich nur agiert und nicht reagiert.
CW: Und wissen Sie, wer meinen Bodyguard spielt? Gandolfini.
P: Richtig. Ihre Gattin ist Casting Director für die Sopranos, stimmt`s? Gibts da irgendwelche Verbindungen?
CW: Nein, das war lange vorher.

P: Im folgenden Film von Tarantino- Pulp Fiction - haben Sie diesen elendslangen ergreifenden Monolog am Rande der Absurdität, den sie so ernst zitieren...
CW: Es war wirklich ein sehr langer Monolog, und ich hatte auch sehr viel Zeit, mich damit zu beschäftigen. Sie gaben mir das Skript schon Monate vor den Dreharbeiten.So arbeitete ich jeden Tag daran. Ich war zwar auch mit anderen Dingen beschäftigt, aber ich wollte sicher sein, es jeden Tag einmal zu übergehen. Und jedesmal, wenn ich zum Ende kam, da fing es an, mich zu zerwuzeln. Es hörte nie auf. Ich muss immer daran denken, wie witzig das war.

P: Jeder, der die Szene anschaut, denkt sich: wie kann das ein Mensch rezitieren, ohne dass er zu kichern anfängt?

CW: Besonders das Aufsagen vor einem kleinen Kind. Es war ein netter kleiner Junge, you know, aber nach weiß Gott wie vielen Einstellungen schlief er fast ein, und so ließen wir ihn heimgehen, und ich redete nur zu der Kamera.

P: Der Film Wild Side , in dem Sie einen derangierten Finanzier spielen, kam kurz nach Pulp Fiction; es ist ein ziemlich eigenartiger Film, von dem man nie wirklich viel gehört hat.
CW: Ein crazy Film. Und großartige Schauspielerinnen, nicht wahr? Anne Heche und Joan Chen. Joan ist so schön, finden Sie nicht?
P: Ja, sehr.

CW: Ich wünschte, ich könnte sie in mehr Filmen sehen. Sie ist nicht schön im Sinne einer Garbo, aber sie ist eine phantastischte Schauspielerin. Und Heche auch. Yeah, ihre Szenen zusammen sind....hmmm..

P: Die Erotik in den Filmen von Donald Cammel ist allgegenwärtig, angefangen von The Performance.
CW: Ein armer Mensch. Ich glaube, er kam nach Hollywood, um Karriere zu machen, aber er brachte es nur auf 4 halbwegs brauchbare Filme zwischen 1970 und 1995. 1996 beging er Selbstmord, er war, Berichten zufolge, sehr bestürzt über Wild Side, und es ist ein Film, der direkt auf Video herauskam.

Es muss hart sein, in Hollywood herumzusitzen und nichts zu tun zu haben. Ich musste auch eine Weile in New York herumsitzen, aber das ist ganz anders. Da ist was anders an L.A, vielleicht, weil ich nie dort wohnte. Unterbeschäftigung kann ja tödlich sein. Ich glaube, wenn man Golf oder Tennis spielt oder was auch immer- ok, aber das tu ich ja nicht. Und New York ist der perfekte Platz, you know, die Zeit in seinen Händen zu halten..


Walken ist zur Zeit selten in Connecticut, er lebt mehr in New York, und sein Leben hier verläuft eher ruhig. Er erzählt über die Dreharbeiten zu Stepford Wives, "die sowas von turbulent" waren.
Es sieht so aus, als wären die Tage, an denen der nur herumsitzt, gezählt. Von einer Oskarnominierung in Catch me if you can bis zu "Augenbrauen-Hochziehern" (!)- stinkers- wie Kangaroo Jack oder Gigli, Walken ist praktisch allgegenwärtig. Es ist jedoch bemerkenswert, dass er für eine Rolle am besten bekannt ist, die nicht aus einem Film stammt: Bruce Dickinson, der die berühmte Blue Oyster Cult-Band herumdirigiert und mehr cowbell braucht, in einem SNL Sketch von 2000. Walken meint dazu: sogar Regisseure sagen zu mir, wenn sie zu drehen beginnen, "Chris, das war gut, but it needs more cowbell." Und interessant ist auch, dass einer von Walkens Favoriten der Auftritt in Puss in Boots ist, ein 1988 gedrehter Film vom unbekannten israelischen Regisseur Mogul Menahem Golan.

CW:"Kaum jemand hat ihn gesehen, aber er ist so `charming`. You see, ich spiele die Katze, und ich finde, ich bin darin sehr überzeugend. Ich hatte einen Schnurrbart und trug Handschuhe, die an den Fingerspitzen abgeschnitten waren, sodass meine eigenen Finger wie Krallen aussahen. Und ich färbte meine Haare mit Henna, sehr prähistorisch. Und ich ahmte, you know, das Gehabe von Katzen nach. Das ist mir, glaube ich, sehr gut gelungen."
 

 

NEW YORK-TIMES, Mai 2004, Odd Man In
von Stephen Rodrick
 


Wenn sich Christopher Walken in Los Angeles aufhält, dann residiert er stets im Chateau Marmont, nicht aus privaten Gründen, oder um sich zu verstecken, nein, weil die Zimmer über eine komplette Küchenausstattung verfügen. Vor einigen Jahren wollte Julian Schnabel, Maler, Regisseur und enger Chris-Freund, diesen überreden, in seiner Cooking-Show mitzumachen. Die Idee wurde entworfen und wieder verworfen, denn Walken hätte vor einem Publikum seine Mahlzeiten zubereiten sollen. "Die Gefahr bestand, dass sich diese Show zu einem Schlager entwickeln würde: ich habe mir einen Namen als Schauspieler erworben, also möchte ich nicht als Koch in einer Show in Erinnerung bleiben.."

Walken, der einen Tag Pause hat (er filmt gerade "Die Hochzeitscrasher"), bereitet ein Gericht aus geschälten Orangenschalen, Olivenöl und Knoblauch zu. "Ich mache Ihnen Sallops à l’orange,’’ sagt er und schwenkt gekonnt die Pfanne, "Sie werden überrascht sein, wie viel Geschmack diese Schalen haben’’. Er trägt wieder ein schwarzes T-Shirt und schwarze Hosen mit Nadelstreifmuster(?). Er ist gerade von einem Einkaufsbummel in Berverly Hills zurück gekommen. Walken ließ sich mit einem geliehenen Auto des Regisseurs dorthin chauffieren, weil er nicht gerne selber fährt in Los Angeles. "Die Autofahrer hier sind verrückt", sagt Walken, der in Connecticut wohnt, "Ich wäre ein nervöses Wrack.’’

Zu Hause macht Walken alleine die Küche (er ist mit Georgianne, einer Casting-Agentin seit 35 Jahren verheiratet), "Ich werde nicht mit Ihnen essen. Ich esse nur abends, denn wenn ich jetzt essen würde, würde ich am liebsten ein Nickerchen machen.’’

Walken versucht, auch hier in LA seine Routine so gut es geht, beizubehalten.Er steht früh auf, läuft dann zwei Meilen auf der Tretmühle, die ziemlich pompös im Zimmer herumsteht, duscht anschließend und bearbeitet sein Haar 10 Minuten durch Kopfhaufmassage. Walken bestätigt, dass sein Haarschnitt (Bürste) einen maßgeblichen Teil seines Erfolges auf der Leinwand ausgemacht habe. Wenn er ausgeht, behält er auch diesen Look bei, "diese elektrifizierten Haare". "Tony Perkins zeigte mir, wie man die Blutzirkulation in der Kopfhaut verstärkt", erklärt Walken, "Ich kann das nicht so genau erklären. Ich habe viel darüber nachgedacht. Es ist ein Geschenkt der Natur, so wie die Vögel ein farbenprächtigen Gefieder oder andere einen voluminösen Schweif haben. Hätte ICH einen Schweif, bräuchte ich keine Haare. Bei den Dreharbeiten zu Catch me if You Can plätteten sie sie mir so zusammen, dass ich mich fast nackt fühlte."

Nach dem Essen räumt Walken alles ganz sorgfältig selbst auf; ich frage ihn, warum er dies nicht jemandem anderen überlässt.
"Glauben Sie, ich habe ein Heinzelmännchen im anderen Zimmer?" erwidert er schelmisch. Und das Hotelpersonal? frage ich.
"Oh nein," sagt er ohne zu zögern, "das Personal hier ist furchtbar. Ich habe ein wenig Angst vor ihnen."
Dann kniet er sich nieder und und scheuert einen nicht existierenden Stein auf dem Boden. "Reinheit ist absolut unerlässlich", sagt er.

Er streitet ab, ein penibler Mensch zu sein, dann erzählt er aber eine Geschichte: Vor einigen Jahren überredete ihn jemand zu einer Therapie, erzählt er, während er sorgfältig weiterputzt, "aber ihr Apartment war schmutzig, ihre Küche ein unaufgeräumtes Chaos," Walken verzieht das Gesicht, "das war das Ende meiner Sitzung. Wenn sie eine aufgeräumte Küche gehabt hätte, würde ich vielleicht weiter in Therapie gehen."

Christopher Walken hat einen Status in einer Welt erreicht, die er sich selbst geschaffen hat. Nun, mit 61 Jahren, hat er beinahe 100 Filme gedreht, obwohl leise Kritik an seiner Rollenauswahl spürbar wird. Die Prophecy-Trilogie kommt nicht gut weg, und auch dass es Walken zu 2 Sequels gebracht hat, obwohl er als Gabriel sehr überzeugend war.
Im vergangenen Monat konnte man Walken mit Denzel Washington in "Man on Fire" sehen, und mit Ben Stiller und Jack Black in "Envy"; "Die Frauen von Stepford" mit Nicole Kidman, Glenn Close, Matthew Broderick und Bette Midler erscheinen demnächst. Aber Walkens guter Ruf wird durch die schlechten Kritiken an Envy und Man on Fire und den vorauseilenden üblen Gerüchten vom Stepford-Set kaum beeinträchtigt werden. Kritiker und Schaupieler geraten ins Schwärmen, wenn sie über ihn reden. Keine Rede mehr von Horrorfilmen, Flops oder Videospielen (The Ripper).

"Chris ist wie ein Gedicht", schwärmt Sean Penn, ein alter Freund und Walken-Bewunderer. "Ihn beschreiben zu versuchen ist wie wenn man eine Wolke definieren will."
Walkens hervorstechendstes Merkmal, sein Markenzeichen, seine "Freikarte", ist seine Stimme. Er redet nach seiner eigenen Sprachmelodie, wie nach einem Metronom und mit einem humoristischen Unterton. "Ich habe mir das angewöhnt, so übernommen aus meiner Zeit als Tänzer. Ich durchmesse immer noch einen Raum mit Tanzschritten: 2-2-4,3-3-4. Das selbe mache ich, wenn ich rede."

Sein bizarrer Wortrhythmus und hartnäckige Weigerung, Punktuationen zu folgen, machen selbst den banalsten Satz zu einem Erlebnis. Im Einkaufsladen betrachtet er eine voluminöse Tomate und legt sie dann wieder zurück. "Ich kaufe. Nicht die Tomaten mit. Stengeln. Sie werden nicht gar. Sie sinken. In den Abfluss. Und in den Kanal. Dann. Verhaken sie sich im Schlund von kleinen. Ottern."

Bewaffnet mit Haar und Sprache, bewegt sich Walken mühelos auf dem Minenfeld Hollywoods, denn nichts kann er so gut wie schaupielen oder vielleicht: er kann nichts anderes als schauspielen.
Und das kann er wirklich nicht. Der Sohn eines deutschen Bäckers und einer schottischen Mutter wurde schon früh in das Showbiz-Geschäft hineingezogen. Im zarten Alter von 14 Monaten posierte er schon mit kleinen Kätzchen für einen Kalender. . Als Kind ging er mit seiner Mutter und seinen zwei Brüdern von Queens in das Rockefeller-Zentrum zum Vorsprechen. Walken trat in hunderten Fernsehproduktionen auf, miteingeschlossen ein Sketch mit Jerry Lewis und Dean Martin. Als Teenager spielte er den Sohn eines Löwenbändiger in einem Wanderzirkus. "Er war anscheinend nicht besonders gut als Dompteur", erzählt Walken. "Sein Rücken war voller Narben."
Nach einigen Semestern an der Hofstra Universität in den frühen 60er Jahren verbrachte Walken viele Jahre in seinen 20ern damit, Shakespeare und Chekhov zu spielen, unter der Anleitung von Joseph Papp. Das amerikanische Publikum nahm ihn erst wahr, als er 33-jährig eine kleine, aber erinnerungswürdige Rolle als neurotischer Bruder in Woody Allen's "Der Stadtneurotiker" bekam. Dann folgte "Die durch die Hölle gehen/The Deer Hunter", und Walken's Mythos als seltsamer Kauz war geboren.

Seither spielte Walken einige der übelsten Charaktere in der Filmgeschichte. Sie beinhalteten einen Mascara-tragenden europäischen sexuell Abnormen ("The Comfort of Strangers") einen von Außerirdischen geplagten Schriftsteller ("Communion"), einen rachsüchtigen querschnittsgelämten Mafioso ("Things to do in Denver When you're Dead"), einen sodomistisch veranlagten Geldhai in "The Wild Side" oder in "Die Frauen von Stepford" einen seltsamen Bürgermeister, der Frauen zu Robotern umwandelt.
Zwischenzeitlich schreibt Walken auch Popkultur. Als geborener Sänger und Tänzer spielte er einen "Willy-Loman-trifft-auf-Fred-Astaire" Tänzer in Fatboy Slim’s Weapon of Choice-Vvideo. Spike Jonze war der Regisseur, und VH-1 kürte ihn zum besten Schauspieler in einem Video. Im letzten Jahr nahmen Fountains of Wayne Walken’s Namen in ihren Song "Hackensack" auf.

Walken trat sechs Mal in der US Fernseh-Comedy Show "Saturday Night Live" auf. Im vergangenen Monat strahlte der Sender eine "Best of Walken"-Episode aus, eine Ehre, der vorher nur Mitgliedern der Sendung und Steve Martin zuteil wurde.
Wird dieser permanente Präsenz nicht bald das Schicksal von "Who wants to be a Millionaire" erleiden? Walkens Agenten beim International Creative Management, Toni Howard und Risa Shapiro, betonen, dass er sich in Zukunft etwas rarer machen sollte. "Wir versuchen, mehr zu selektieren," sagt Toni Howard.

Währenddessen hat Walken vier Filme in Arbeit. Er gibt zu, dass er kein besonderes Urteilsvermögen beistzt, er hat eine "werfe-alles- gegen-die-Wand-und-schau-was-für-die-Karriere hängebleibt" -Mentalität. "Ich bin einlausiger Analytiker, ob sich was Gutes draus entwickelt," sagt er. "Wie immer ich auch denke, was aus einem Film herauskommt, liege ich falsch."

Walkens langjährige Ehe und Küchenharmonie gaukeln traute und ruhige Häuslichkeit vor. Wie auch immer, es ist bei ihm normal, mit dem falschen/anderen Ende eines Teleskps betrachtet zu werden. Er spricht oft so, als führe er ein philosophisches Gespräch mit sich selbst.

"Was er als lustig empfindet ist etwas, was die restliche Welt nichr versteht." sagt Sean Penn.

"Er ist eine sehr zurückgezogene Person, die in ihrer eigenen Welt lebt (im eigenen Kopf)," fügt Schnabel hinzu. "Wird diese Schiene unterbrochen, schlägt sich das auf sein Wohlbefinden. Ich habe ihn mal gesehen, wie er mit meinem Sohn an der Hand in einer New Yorker Straße spazierte, aber er wirkte trotzdem alleine."

Einige Jahre zuvor nahm der Künstler Schnabel Walken, der auch ein begeisterter Hobbymaler ist, auf eine Reise nach Italien mit. Dort wurden Schnabels Werke in einem Museum ausgestellt. "Chris stand in einer Menschenmenge beim Eingang, und ich fühlte mich schuldig. Er sah so aus, als würde er gefoltert. Er ist da sehr empfindlich."

Diese Sensibilität kam am besten rüber in der Darstellung des Nick in "The Deer Hunter", einem Film von Michael Cimino, 1978, für den Walken den Oscar für den besten Nebendarsteller erhielt. Nick, dieses psychisch angeknackste Wrack, dieser Vietnam-Veteran, der sich selbst im Russischen Roulette hinrichtet. Paradoxerweise erwähnen Kritiker seine seltsame Art zu srpechen, schweigt doch Nick beinahe den ganzen Film über und kommuniziert lediglich über seine hohlen Augen.

"Ich erinnere mich gut daran, dass ich während des Drehs an meine Kindheit dachte, an die unendliche Einsamkeit, die ich in einem Sommerlager empfand," sagt Walken, und sein spitzbübisches Lächeln verliert sich in einem Blick, der an den von Nick erinnert, "Es wr furchtbar. Es war in den Poconos. Ich fühlte mich elend. Ich war wirklich verzeifelt."

Seine Sensibilität kam zum Vorschein, als ich mit ihm zur Matinee von "Dawn of the Dead" ging, einem Remake des George Romero Horror-Klassikers. Es war seine Idee. "Mit einem Zombie-Film liegt man immer richtg," meint er, aber dennoch zuckte er ob der Gewalt zusammen. "Ist sie ein Zombie?" fragte er. "Ist er ein Zombie? Moment mal, sie werden wohl nicht ein Zombie-Baby bekommen. Nein, das ist zu viel." Nachdem das Zombie-Baby geboren wurde, wurde es hingerichtet. Walken jammerte, nein, das mag ich nicht..(Walken erzählte Lorne Michaels, dem ausführenden Produzenten von SNL, dass ihm die Folterszenen von "The Passion of the Christ" zuviel waren; "Und ich weiß, was Folterszenen sind...")

Walkens sensible Natur macht es ihm schwer, am täglichen unbeschwerten Small-Talk in Hollywood teilzunehmen. 1990 traf sich Abel Ferrera, mit dem er inzwischen 4 Filme gedreht hat, mit Walken in Manhattan, um mit ihm über die Besetzungsliste für "King Of New York" zu sprechen. Walken kam bei der Tür herein, sagte, er wolle diesen Film machen und niemand anderer könne das besser als er. Dann stand er auf und ging. Das ganze mochte vielleicht 2 Minuten gedauert haben. Ich dachte dann, Mann, war der überhaupt hier? (A. Ferrara)

Diese seine Abneigung kostete ihn beinahe eine seiner besten Rollen. 2002 wollte Steven Spielberg Walken als diCaprios Vater besetzen, ihn aber zuerst treffen und ihn mit diCaprio zusammen agieren sehen. Chris wollte das nicht, sagte seine Agentin Toni Howard. Aber diese hämmerte ihm ein, dass geht kein Weg daran vorbeiführe, um diese Rolle zu bekommen. Also gab Chris widerwillig nach, bekam die Rolle und eine Oskarnominierung.

"Ich glaube, ich gehe lieber nicht unter die Leute", sagt Walken mit einem scheuen Lachen," Ich mache einen besseren Eindruck, wenn ich nicht anwesend bin. Wenn mich ein Regisseur treffen will und er zieht einen Cassettenrekorder aus der Tasche, werde ich sofort zugeknöpft."

Manchmal gewährt Walken einen kleinen Blick in sein Inneres. Als langjähriger Katzenliebhaber schrieb er eine Vorwort für das Buch "Guide to Cat Care". Obwohl das meiste über den Tod seiner Katze Pookie handelt, beinhaltet der Anfangssatz viel von seiner Weltanschauung.

"Es scheint mir, als vergäßen wir manchmal, dass Menschen eigentlich auch Tiere sind. Aber das ist nicht schlecht gemeint. Wir vergessen das Gefühl für die Orte, den Wald, an denen unsere ersten Erinnerungen entstanden. Und es gibt genauso viele Arten von Menschen wie Tiere: einsame, monogame, gesellige; der Leithammel mit seinem Harem; die, sie sich einmal treffen und nie mehr verlassen. Jäger, Gejagte, Vegetarier.."

Während seiner Karriere hat Walken seinen Schurken so viel Menschlichkeit verliehen, dass ihm die Zuseher eher freundlich gesinnt sind als ihn auspfeifen. Eine Methode ist, seine Tanzkünste einzubringen. Oft, wie aus dem Nichts herau, legen seine Bösewichte eine kurze, aber heiße Sohle aufs Parkett. Eine seiner bekanntesten bösen Buben ist der Zuhälter in "Pennies from Heaven", MGM's letztes Musical. (Walken hat vor kurzem "Romacne and Cigarettes" beendet, einem Musical unter der Regie von John Turturro.)

Aber immer noch sind die Schlüssel zu Walkens "Soziopathen mit einem Herz aus Gold" seine legendären Monologe. Quentin Tarantino schreib zwei seiner besten. In "Pulp Fiction" spielt Walken einen ehemaligen Vietnam POW mit einem 8 Seiten langen Monolog über eine Uhr, die er in seinem Rektum versteckt gehalten hat. In "True Romance", unter der Regie von Tony Scott, Drehbuch ist von Tarantino, spielt Walken einen sizilianischen Gangster, der im Begriff ist, einen unglücklichen Bodyguard zu meucheln, dargestellt von Dennis Hopper. Als Hopper fragt, wer er sei, antwortet Walken: "Der Antichrist. Sie haben mich in einer Stimmung erwischt, die nach Blutrache giert. Sie können den Engeln im Himmel erzählen, dass Sie niemals soviel Schlechtigkeit in einer Person gesehen haben wie in dem Gesicht des Mannes, der sie gleich töten wird." Dann führen die beiden noch ein philosophisches Gespräch über die schwarze Abstammung der Sizilianer. Hopper nennt Walken eine Aubergine. Walken nennt Hopper eine Warzenmelone. Dann pustet Walken Hopper das Hirn aus. Somehow, it works...

Hopper sagt: "Das ist eine Gratwanderung, wenn man diese extremen Charaktere spielt. Da bekommt man diesen großartigen Dialog, denkt sich, wow, das ist ein Wahnsinn, aber wie legt man es an, dass es wie ein realer Dialog klingt? Wir könnten unsere Szene anlegen wie das Gespräch zweier Banker, die über das Geschäft reden, und es würde auch funktionieren. Chris hat eine so einzigartige, pure Art zu sprechen." (pre-Stanislavski)

Als Walken im Filmgeschäft begann, versuchte er, sich in die Rolle hineinzuversetzen und dafür zu recherchieren. Aber das passte nicht. Daher übernahm er eine andere Technik: wenn er ein Skript erhielt, strich Walken sofort jede Punktuation heraus. Nun muss er nichts mehr anstreichen, er sieht einfach diese Kommas oder Satzzeichen nicht mehr. "So kannst du selbst entscheiden, welche Worte für dich am wichtigsten sind," sagt Walken ,"es kann das Hauptwort sein oder das Verb oder ein Wort, das dir nie aufgefallen wäre."

Walken studiert seine Zeilen mit verschiedenen Methoden. Er zeigt mir ein Beispiel. Er gibt vor, in die Gaskammer zu gehen und zitiert: "Ich will nicht sterben". Zuerst sagt er es geradeheraus, dann in der Weise, die er "Mamma mia what a pizza"-Stil nennt, dann wie ein Gestapo Offizier und zuletzt wie sein Favorit, Bugs Bunny.

"Darum höre ich auch so gerne Leuten mit einem Akzent zu," sagt Walken. "Sie betonen immer die falschen Silben, das lässt mich überlegen."
Nach dem Essen in der Marmont-Suite überrede ich Walken, seinen Monolog von "Welcome to the Jungle" auf DVD anzuschauen. In diesem Film, der letztes Jahre (2003) herausgekommen ist, spielt Walken einen bösen Goldminenbesitzer, dem seine wertvollen Juwelen gestohlen wurden. Walkens Rede konzentriert sich auf den Vergleich des gestohlenen Schatzes mit dem Dieb seiner Zähne, bevor die Zahnfee ihn belohnt habe. Seine Männer sprechen kein Englisch, und die Metapher geht in der Übersetzung (des Dolmetschers) verloren. Da fragt der frustrierte Walken: "Verstehen Sie. Das KONZEPT. Der Zahnfee?"
Walken muss lachen, und seine Augen füllen sich mit Tränen. "Ich dachte, das wäre lustig, so mag ich das. Ich übte den Pulp-Fiction-Monolog 8 Wochen lang, und immer wenn ich zu der Stelle kam 'in meinem ***', musste ich lachen."

"Ich bin ein Darsteller, der das Publikum als reale Person sieht" sagt er, " Ich sah vor einige Jahre Jerry Lewis am Broadway, und er winkte immer seinem Publikum zu, wenn er die Bühne verließ. Ich denke immer, die Leute wissen:ok, hier ist Chris, Chris weiß, das ist ein Film, er weiß, dass das nicht die Realität ist, Chris hat eine gute Zeit."


 

Der unheimliche Mr. Creep


Fast 90 Kinofilme und über 100 Theaterstücke zeigen den berühmten Walken-Touch - diese Ticks, Nuancen und theatralischen Momente, die kleine Auftritte zu großen Ereignissen machen.

Schmale Lippen und bohrender Laserblick dominieren ein Gesicht, in dem Freundlichkeit und Todeskälte oft nur eine Muskelkontraktion entfernt sind. Diese Fähigkeit hat Walken ein profitables Verstörungsimage mit Psychopathenaura eingebracht: "90 Prozent meiner Figuren sind Bad Guys. Ich glaube, die Leute respektieren mich, aber sie fragen sich immer, ob ich tief in mir drin nicht wirklich fies und gemein bin."

Kaum verwunderlich bei Walkens Wahnbilanz im Kino. Als Bruder Diane Keatons wollte er sich im Straßenverkehr selbst töten ("Der Stadtneurotiker"). Nach diesem Suizidimpuls in Woody Allens Klassiker spielte er im Vietnamkrieg Russischroulette ("Die durch die Hölle gehen"), versuchte als Gangster seine Söhne zu töten ("Auf kurze Distanz") und die Mob-Konkurrenz auszulöschen ("King of New York"), warf Michelle Pfeiffer aus dem Fenster ("Batmans Rückkehr"), folterte und tötete Dennis Hopper nach brillantem Verbalpingpong ("True Romance"), ließ zu Pferd mit Klinge Köpfe rollen ("Sleepy Hollow") und war Chef einer Männerkolonie, die ihre Frauen durch vollbusige Automaten ersetzten ("Die Frauen von Stepford").

Karrierestart im Katzenkalender

Der Privatmann Walken aber ist sanft und witzig ("Mein Haar war noch vor mir berühmt"), lebt ein ruhiges, geordnetes Leben. Seit 1969 an der Seite von Ehefrau Georgianne, die er beim gemeinsamen Auftritt in der "Westside Story" kennenlernte. Der Sohn eines Bäckers aus Essen schnupperte mithilfe seiner schottischen Mutter früh Branchenluft.

Mit drei posierte er für einen Katzenkalender, mit zehn nahm er wie seine zwei Brüder Tanzunterricht, trat in einem TV-Sketch mit Dean Martin und Jerry Lewis auf. In einer Schule für künstlerisch begabte Kinder fand Christopher sein Paradies: "Es war eine großartiger Ort mit 95 Prozent Mädchen, schönen Mädchen. Die anderen Jungs waren meist merkwürdig, man könnte sie akademische Typen nennen. Ich aber war albern und leichtsinnig." Nach dem Garten Eden kam das College, das er nach nur einem Jahr verließ.

Tanzender Oscar-Preisträger

Sein Steptanzlehrer hatte ihm eine Rolle im Musical "Best Foot Forward" besorgt - an der Seite einer jungen Liza Minnelli. Seitdem arbeitet Ronald Walken, der von Ex-Model und Sängerin Monique Van Vooren 1965 in Christopher umgetauft wurde, als Schauspieler, gewann für "Die durch die Hölle gehen" einen Oscar.

Seine Qualitäten als Parketttiger demonstrierte er als Eintänzer in "Der Tanzpalast", als Step-Virtuose in "Tanz in den Wolken" und in Fatboy Slims Clip "Weapon of Choice". Obwohl er im Kino für das Böse steht, im Bonduniversum die Welt an sich reißen wollte ("Im Angesicht des Todes"), hat Walken eine Waffenphobie und ist immer öfter auch in Komödien zu sehen. So in "Die Hochzeits-Crasher" oder jetzt als Erfinder in "Klick", der Adam Sandler nur scheinbar das Leben erleichtert.

Geheimnisvolle Vergangenheit

Mysteriös in seinem normalen Leben ist einzig, warum seine Frau, eine Top-Casting-Agentin, ihn selbst nie besetzte und was wirklich 1981 an Bord der Yacht geschah, auf der er mit Robert Wagner und dessen Frau Natalie Wood feierte, bevor sie nachts im Meer ertrank. Details verschwieg er, sagte aus, die Tragödie verschlafen zu haben.

Gesprächiger ist Christopher Walken, wenn er erklärt, warum er kaum eine Rolle ablehnt: "Ich picke mir einfach das Beste raus, was mir gerade angeboten wird. Ich sitze nicht gerne zu Hause, habe weder Kinder oder Hobbys noch Lust zum Reisen. Aber meine Arbeit mag ich."

 

 

 

 

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